MEMENTO MORI

 

 

Eben war er Schuhe kaufen, Grösse 44 – shi shi /
Morgen gehen er und sein Junge Achterbahn fahren – memento mori /
Da rauscht das Blut – null positiv, wie schön – durch seine Adern /

Noch eine Woche Arbeit – BAT 5, bald erhöht, will nicht mit seinem Schicksal hadern – /
Zählt jetzt schon jede Stunde, dann Urlaub – ungestört – /

Ägypten, tauchen im Roten Meer /
Sauerstoff aus vollen Flaschen strömt ihm in die Lunge, die gesunde /
Oh, diese Lunge, die bald mir gehört

 

Dieses Zeilen schrieb ich kurz vor meiner Lungentransplantation. Wenn ich sie jetzt, 15 Jahre später, wieder lese, dann erinnere ich mich noch an die Umstände, unter denen das Gedicht entstand bzw. an den Menschen, der ich damals war. Ein Echo aus einer nun schon weit zurückliegenden Vergangenheit. Das Gedicht erscheint mir nun sehr abgeklärt, ja kalt. Es hat auch damals schon recht unterschiedliche, kontroverse Meinungen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis dazu gegeben. Heute kann ich das besser verstehen. Es fehlt hier jede Spur von Dankbarkeit dem Spender gegenüber, kein Respekt. Entsprechend habe ich mich auch in meinem Dank im Transplatationsbericht (letzter Absatz) geäußert. Und dies damals sehr widersprüchlich.


Das Problem mit der Dankbarkeit war für mich die Gerichtetheit. Dankbarkeit gedacht immer auch als in Bezug auf. Wem oder was gegenüber bin ich dankbar? Dem Schicksal, dem Leben, einem Gott gegenüber? Ich glaube heute, mein Problem mit der Dankbarkeit resultierte aus dem Wunsch, der Illusion, dass ich keinem gegenüber verantwortlich sei und ich es dementsprechend nicht nötig hätte irgendjemandem dankbar zu sein. Anders ausgedrückt, dass ich niemanden brauche und alleine zurecht komme. Welch' ein Irrtum! Und in meiner Situation als chronisch Kranker völlig abwegig. Gerade in der prekären, lebensbedrohlichen Lage, in der ich mich damals befand, war ich auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Und in aller erster Linie auf jemanden, der bereit war, mir eine funktionierende Lunge zu spenden.


Auf der einen Seite gibt es da also einen Menschen, der sich zu Lebzeiten entschieden hat, seine Organe im Falle seines Todes einem ihm unbekannten Mitmenschen zu spenden. Er weiß nicht, wann er das tun wird, er weiß nicht, wem er dies ermöglicht. Er weiß nur, dass er dann tot sein wird, damit ein anderer weiterleben kann. Und das sollte er dann schnell wieder vergessen. Denn mit dem ständigen Bewusstsein an den Tod lebt es sich nicht gut. Ein sich immer mal wieder Vergegenwärtigen der Endlichkeit seines Lebens jedoch kann für jeden sehr hilfreich sein. Wie schnell kann es doch vorbei sein. Memento mori.


Auf der anderen Seite der Mensch, der dringend auf ein ihn weiterleben lassendes Organ wartet. Damit er weiterleben kann, muss erst ein anderer sterben. Eine paradoxe Situation. Wie würdest du damit umgehen? Kann man den Tod eines anderen wünschen, der dabei womöglich ganz plötzlich aus seinem Leben gerissen wird? Verdrängt man diese Vorstellung?
In meinem Gedicht habe ich mich dem Thema auf die mir damals möglichen Weise genähert. Ich finde, dass es noch immer seine Berechtigung hat, auch wenn ich es heute ganz anders zum Ausdruck bringen würde. Ich musste in Laufe der Jahre sehr an mir arbeiten, das Gefühl der Dankbarkeit aufzuspüren. Gerade deshalb, weil ich es früher so lange verdrängt hatte, ich mich ihm verschlossen habe.

Was ich lernen musste und noch weiter am vertiefen bin, ist, mich berühren zu lassen von Situationen, Menschen, Geschehnissen um mich herum. Mich einzulassen auf die Empfindungen, die mich erreichen. Und diese nicht gleich abzutun als Gefühlsduselei und Kitsch. Weicher werden, milder im Urteil, Dinge, Menschen gelten lassen, gelassener werden. Und dann kommt Dankbarkeit auf dafür, teilnehmen zu dürfen an der Ganzheit der Schöpfung, Demut vor der Größe und Mächtigkeit der Welt.

Und wem das jetzt zu kitschig ist, der schreibe mir bitte, ob und wie er Dankbarkeit empfindet und wofür er dankbar ist. Ich lerne gerne noch dazu!

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Salamandrina-Scoiatola-Lidia (Sonntag, 22 Juli 2018 12:05)

    ... ich bin empfinde größte Freude und Dankbarkeit wenn z.B. dein Name auf mein Mobilphone erscheint oder wenn wir uns sehen, (aber nicht immer;)).
    Ich bin Dankbar dass du mich sehr lieb hast und ich Dich, mio Orso!

  • #2

    Dina Franck (Donnerstag, 26 Juli 2018 22:53)

    Ich bin dankbar, dass ich mein Leben verändern kann und nicht mehr das Schicksal für alles verantwortlich machen muss.

  • #3

    Dina Franck (Dienstag, 31 Juli 2018 19:34)

    Was ich noch unbedingt hinzufügen will,
    Ich bin so froh und dankbar, dass ich dich kennnenlernen durfte, mit dir kurz ne Wegstrecke gehen konnte. Trotzdem den Kontakt zu dir und deiner wundervollen Frau nicht verloren habe. Ihr beide schenkt soviel wertvolles...ich hoffe, ihr bekommt es irgendwie auch zurück.

  • #4

    Susa (Sonntag, 05 August 2018 20:36)

    Mir ist dein Text nicht zu kitschig, ganz im Gegenteil…. ich freue mich, dass du dich den Gefühlen hingibst und dich dieser spannenden Welt öffnest.
    Ich bin dankbar für die Liebe die unsere Verbindung trägt und für die „Wunder“ die daraus entstehen konnten.
    Und auch für die tiefen Freundschaften, die mein Leben so bereichern.
    Das ist es, was mich einmal leichter sterben lassen wird - mein Herz ist schon so erfüllt!

  • #5

    Bettina (Donnerstag, 16 August 2018 11:32)

    Lieber Thomas, ich bin dankbar für das Erkennen und Fühlen eines Prozesses, der oft schmerzhaft an einer Schale geklopft hat und immer noch klopft. Und ungeachtet dessen sich nun in Liebe und Einlassen der Helligkeit wie eine Herbstblüte öffnet und entfalten darf.

    Und ich bin dankbar, euch an meiner Seite sitzend im Zug des Lebens zu wissen.