KÖRPER – GEIST

Franz Kafka schreibt im April 1920, nachdem er bereits an Lungentuberkulose erkrankt war, an seine Freundin Milena, „dass die Erklärung, die ich mir damals für die Erkrankung in meinem Fall zurechtlegte, für viele Fälle passt. Es war, dass das Gehirn die ihm auferlegten Sorgen und Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte, ich gebe es auf; ist aber hier noch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann möge er mir etwas von meiner Last abnehmen, und es wird noch ein Weilchen gehen. Da meldete sich die Lunge, viel zu verlieren hatte sie ja wohl nicht. Diese Verhandlungen zwischen Gehirn und Lunge, die ohne mein Wissen vor sich gingen, mögen schrecklich gewesen sein.“


Was ist das jetzt? Beschreibt hier Kafka seine Lungenerkrankung als psycho-somatische Störung? Meint er, dass sein Lungenleiden der Preis dafür sei, nicht verrückt werden zu müssen? Das Gehirn als „Speicher“, als Fühlpunkt für Sorgen und Schmerzen. Die Lunge kommt dem Gehirn zuhilfe, aus Kalkül. Unterstützte sie es nicht, dann würde sie, gefangen im selben Körper, gemeinsam mit ihm untergehen. Gehirn und Lunge arbeiten zusammen, tragen arbeitsteilig die Last, damit der Gesamtorganismus lebensfähig bleibt.

Wie wirken diese Zeilen Kafkas auf dich? Ist der beschriebene Wirkzusammenhang für dich schlüssig und nachvollziehbar? Mich hat er gleich beim erstmaligen Lesen geflasht, ist er doch auch ein Paradebeispiel dafür, wie das dualistische Denken in unserer Kultur vorherrscht und verankert ist. In diesem Fall wird nicht nur zwischen Körper und Geist unterschieden, es wird sogar den einzelnen Organen ein Eigenleben zugesprochen. Das Gehirn sagt etwas. Zu wem? Es meldete sich die Lunge. Bei wem? Das Gehirn sagt: Ich gebe es auf. Was? Im letzten Satz wiederum kommt zum Ausdruck, dass die Körperfunktionen ("Verhandlungen") unbewusst („ohne mein Wissen“) ablaufen. Der Körper heilt sich selbst. Doch inwieweit kann der Geist Einfluss auf Heilungsprozesse nehmen? Das wäre eine nähere Betrachtung in einem späteren Blogbeitrag wert.

Das sog. Körper-Geist- (oder auch Leib-Seele)-Problem beschäftigt Philosophen schon seit altersher. Auch mich, ausgestattet mit einem kranken Körper, treibt schon seit langem die Frage um, wie sich Körper und Geist zusammendenken, besser noch zusammenfühlen lassen. Ausgangspunkt meiner Fragestellung war der Satz „Ich kann mich auf meinen Körper nicht verlassen.“ Wer ist dieses Ich, wenn es nicht auch Körper ist? Ist es das gleiche, wenn ich behaupte „Ich bin unzuverlässig, weil mein Körper nicht mitspielt“? Da ich als chronisch Kranker ständig mit den Unzulänglichkeiten meines Körpers konfrontiert bin, ist wohl eine Trennung der beiden Sphären stärker gegeben als bei einem körperlich gesunden Menschen. Das Planen (Denken) und Ausführen (Handeln) ist weniger spontan, immer steht ein Effizienzaspekt zur Energieschonung dazwischen. Vermeidung von Umwegen, von Steigungen; Wegführungen, auch im Haushalt, so planen, dass alles in einem Rundgang ohne doppelte Strecken erledigt werden kann. Wenn ich ruhig auf meinem Stuhl sitze oder entspannt auf der Couch liege, dann ist in der Vorstellung alles möglich. Wenn ich aber in Aktion treten will und die ersten Schritte tue, dann ist es, als wäre der Boden mit Kleister bestrichen und jeder Schritt wird schwer und zäh.

Meine Idealvorstellung, mein Wunsch war immer, dass Körper und Geist in eins gehen, in dem Sinne, dass der Körper, dass das Bauchgefühl entscheidet und das Kopfhirn dann die Ausführung nur koordiniert. Ist es dir nicht auch schon mal passiert, dass du vor deiner Kaffeetasse sitzt und nicht mehr weißt, ob du schon Zucker dazugegeben hast. Oder, falls du in der Situation bist, regelmäßig Tabletten einnehmen zu müssen, dass du dich fragst  „Hab' ich die jetzt schon eingenommen?“. In solchen Momenten bist du geistesabwesend, selbstvergessen, bewusstseinslos. Dass mein Wunsch aus dem Bedürfnis resultiert, meine Körperbehinderung nicht zu spüren, ist naheliegend. Bei näherer
Betrachtung führt meine Idealvorstellung aber dahin, dass der Mensch nur von Instinkten getrieben würde, und sich somit nicht sonderlich von einem gewöhnlichen Tier unterschiede. Ohne den planenden Geist wäre eine Gestaltung der Zukunft nicht möglich. Die Sonderstellung des Menschen im Reich der Lebewesen beruht nun einmal auf seinem (Selbst)Bewusstsein. Und dass damit auch des Wissen um seine Endlichkeit verbunden ist, macht die Sache nicht immer einfacher.

Während es bei psycho-somatischem Störungen eher die Außeneinflüsse sind, die zu einer Erkrankung führen, so sind es bei somato-psychischen Defekten – und zu solchen können chronische Erkrankungen führen – eben die körperlichen/somatischen, in einem selbst liegenden Unzulänglichkeiten, die den Geist/die Psyche deformieren können. Die Kunst liegt darin, sich von Beeinträchtigungen und Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und den Fokus darauf zu richten, was noch geht. Und wie schön die Welt doch ist, welch Schätze und Gaben sie alltäglich für einen jeden bereit hält. Die Gedanken sind frei, solange der Geist rege bleibt!

Es heißt, die Seescheide, ein Meeresbewohner aus dem Stamm der Manteltiere, wandert über den Meeresgrund, bis sie einen für sie idealen Standort gefunden hat. Dort setzt sie sich fest und frisst dann ihr eigenes Gehirn auf. Sie gilt als Negativbeispiel dafür, dass sich bei mangelnder Beweglichkeit das Gehirn zurückbildet, die geistigen Fähigkeiten abnehmen. Das gibt mir, sollte meine Immobilität aufgrund wachsender Atemnot zunehmen, dann aber doch zu denken.

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