SUICIDAL TENDENCIES?

 

 

 

 

 

„Selbst der Gedanke an seine eigene Zerstörung war ihm nicht nur angenehm, sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollüstiger Empfindung, wenn er oft des Abends, ehe er einschlief, sich die Auflösung und das Auseinanderfallen seines Körpers lebhaft dachte.“

Karl Philipp Moritz*, Anton Reiser, 1790

Selbstmord – ein heikles Thema. Du, lieber Leser, wirst vielleicht denken: Na, jetzt spielt er wohl doch mit dem Gedanken seinem behinderten Leben einen noch früheren Schluss zu setzen als seine Krankheit es vermutlich tun wird. Nein, das tut er nicht :-) Aber es gibt auch das arabische Sprichwort „Sag’ niemals: ‚Aus diesem Brunnen werde ich nie trinken!‘“ Niemand weiß, wie sich sein Lebensende gestaltet, und schon gar nicht möchte man sich vorstellen, dass dieses Leben sein Ende finden sollte in Schmerz und Leid, so groß, dass ihm der Tod vorzuziehen sei.

Auflösung. Auslöschung. Zerstörung. Und das von eigener Hand. Vernichtung. Verwandlung ins Nichts. In Nichts. Das Sein gegen das Nichtsein eintauschen. Unendliche Endlichkeit.

Gibt es eine Statistik, die belegt, welche Jenseitsvorstellungen Selbstmörder haben? Geht einem, der an ein „Leben“ nach dem Tod glaubt, sein Selbstmord leichter von der Hand, da er ja hofft, dass ihn danach noch etwas, womöglich besseres, erwartet? Wie sieht so ein Leben aus, das so unerträglich geworden ist, dass man es gegen etwas vollkommen Ungewisses eintauscht? Und wie steht es erst um jene, die sich das diesseitige nehmen, obwohl sie an kein wie auch immer geartetes Leben nach dem Tod glauben? Was muss ihnen zugestoßen, widerfahren sein, dass sie nach reiflicher Abwägung alles hier auf dieser Welt ablehnen und sich dem Weiterleben(wollen/-können) verweigern? "Etwas besseres als den Tod finden wir allemal", sprach der Esel zum Hahn im Märchen Die Bremer Stadtmusikanten. Wenn also jemand nichts mehr besseres findet, wie verzweifelt muss er sein, wie bar jeder Hoffnung, dass sich für ihn noch Chancen eröffnen? Kein Selbstmörder handelt leichtfertig, der Tat gehen wohl immer immense innere Kämpfe voraus. Selbstmord ist keine Versündigung an der Schöpfung. Selbstmord ist eine Heldentat, die Respekt abnötigt. Und zugleich unheimlich traurig macht. Der Tote hat seinen Lebenszweck verfehlt.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das bewusst fähig ist, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Könnten Tiere dies auch, es gäbe wohl kein einziges Lebewesen in den Ställen der Massentierhaltung. Ein Leben in dauerhaftem Schmerz ohne Aussicht auf Linderung und in stumpfsinnigem Ausharren in dieser verzweifeln lassenden Situation zu führen, erzeugt wohl unweigerlich den Wunsch, diesem Dasein ein Ende zu setzen.

Ich gehöre zu denjenigen, die sich ein Leben nach dem Tod nicht vorstellen können (s. Dialog mit Solveigh). Vielleicht hänge ich deshalb so am Leben, weil es mir noch immer so sehr viel mehr bietet als nichts. Ich denke zwar desöfteren darüber nach, wie wohl die näheren Umstände meines Todes aussehen könnten (am Beispiel meiner Schwester habe ich eine Mögichkeit kennengelernt), ich habe mir jedoch noch nie ernsthaft überlegt, meinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Vielleicht hast du ja schon mal mit dem Gedanken gespielt dich umzubringen. In einer Lebenskrise, als spontane Eingebung nach einer verletzenden Demütigung, in einem Zustand extremer Überforderung o. ä. Wahrscheinlich ging das nie über eine Koketterie mit dem Tod hinaus. Was war es, das dich davon abhielt, den nächsten, den letzten Schritt zu gehen? Etwas besseres als den Tod findest du allemal. Sieh dich nur um!

Der Slogan des Mukovizidose e. V. lautet Dem Leben Jahre geben. Auch für mich ist es ein erstrebenswertes, in Dankbarkeit verfolgtes Ziel, Jahr um Jahr zu erleben. Doch wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert? Dann, wenn es kein Leben mehr ist. So gesehen, muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er das für sich definiert. Und mit den Festlegungen in einer Patientenverfügung geschieht das ja in etwa. Hast du bereits eine Patientenverfügung verfasst? Stell dir mal vor, du wärst tot. Welche Gedanken gehen Dir dabei durch den Kopf? Bedauerst du dich? Deine Hinterbliebenen? Bekommst du es mit der Angst zu tun? Bis zu welchem Punkt kannst du dich hineindenken, hineinfühlen? Memento mori.

Dass das Thema Freitod (welch’ euphemistische, aber doch treffendere Benennung als Selbstmord) in unserem Kulturkreis, und nicht nur da, noch immer tabuisiert wird bzw. schlecht beleumdet ist, hat ungute Tradition, wie ein Blick in den Kathechismus der römisch-katholischen Kirche zeigt:

Absatz 2280: Jeder ist vor Gott für sein Leben verantwortlich. Gott hat es ihm geschenkt... Wir sind nur Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens, das Gott uns anvertraut hat. Wir dürfen darüber nicht verfügen.
Absatz 2281: Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe.
Absatz 2325: Der Selbstmord ist ein schwerer Verstoß gegen die Gerechtigkeit, die Hoffnung und die Liebe. Er wird durch das fünfte Gebot untersagt.

Durchweg Verbote, Drohungen, Schuldzuweisungen, und das im Namen der barmherzigen Kirche. Das erste Mal sah ich ein sog. „Eselsgrab“** auf dem Friedhof meines Heimatdorfes. Ein 17-jähriges Mädchen aus der Nachbarschaft hatte sich umgebracht, ihre Grabstätte lag ganz abseits im hintersten Winkel des Friedhofs auf freiem Feld. Eher ein Schandmal, als ein Grabmal. Über ihren Tod hinaus war sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen, was vermutlich auch der Grund für ihren Freitod war, dieses sich nicht dazugehörig fühlen, dieses nicht angenommen sein. Wer dem christlichen Glauben und seinen z. T. widersinnigen Dogmen nicht zuneigt, der kann sich an die Verpflichtung der Ärzteschaft halten (den sog. Hippokratischen Eid), deren einer Kernsatz besagt: „Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten.“ Mit diesem Argument wird jedem (Kranken) die Sterbehilfe verweigert und es werden unter Umständen die merkwürdigsten Verrenkungen ausgeführt, um einen sonst nicht mehr lebensfähigen oder -willigen Patienten am Leben zu erhalten. Manchmal kann Lebenshilfe qualvoller als Sterbehilfe sein.

Da ich an den freien Willen, unabhängigen Geist und umfassende Selbstbestimmung eines jeden Einzelnen glaube, habe ich ein sehr großes Verständnis für all diejenigen, die eine aktive Sterbehilfe befürworten. Dass dies ein ethisch, moralisch, rechtlich, gesetzlich sehr weites Feld ist, das hier nicht weiter erörtert werden kann, ist mir klar. Aber jeder sollte sich diesbezüglich positionieren und für sich abklären, wie er es halten möchte, wenn die Zeit kommen sollte, in der ihm das Leben kein Leben mehr ist. Wer nun argumentiert, dass man bei „freizügiger“ Sterbehilfe dem Umstand Vorschub leistet, dass sich gebrechliche Menschen gleich welchen Alters, die meinen, ihren Angehörigen nur noch zur Last zu fallen, zum Freitod gedrängt sehen, dem halte ich entgegen, dass auch dieser Überlegung ein freier Wille vorausgeht, und man es akzeptieren sollte, dass aus diesem Grund ein Mensch seinem Leben ein Ende setzen will.


* Karl Philipp Moritz (1756-1793) war ein vielseitig tätiger Schriftsteller des Sturm und Drang, der auch der Frühromantik Impulse gab. Er hatte ein bewegtes Leben als Hutmacherlehrling, Schauspieler, Hofmeister, Lehrer, Redakteur, Schriftsteller, Spätaufklärer, Philosoph und Kunsttheoretiker.
Wenn man zu Moritz im Internet recherchiert, dann stößt man immer wieder auf die Passage "starb 36-jährig an einem Lungenödem, der Folge einer Krankheit, an der er seit seiner Jugend litt." Aufgrund der Beschreibung seiner Zeitgenossen, seinen Gesundheitszustand betreffend, wird heutzutage nicht mehr ausgeschlossen, dass Moritz an Mukovisidose erkrankt war.

** Unter einem Eselsbegräbnis verstand man im Mittelalter und in der frühen Neuzeit die unehrenhafte Beisetzung eines gesellschaftlichen Außenseiters, meistens eines Selbstmörders. Der Begriff leitet sich von Jer 22,19 ab: „Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.“

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Kommentare: 2
  • #1

    Musicman (Freitag, 03 Januar 2020 21:06)

    Lieber Thomas,
    Ein spannender Beitrag, dem ich in weiten Teilen folgen kann. Allerdings finde ich vor allem den letzten Absatz zum freien Willen diskussionswürdig. Inwieweit ist dieser wirklich „frei“; in welcher Lebebssituation; in welchen kulturellen Konventionen gefangen? Lass uns darüber mal einen Tee trinken.
    Dein Musicman

  • #2

    Thomas (Samstag, 04 Januar 2020 14:12)

    Mein lieber Musicman,
    vielen Dank für deinen Kommentar!
    Ja, der sog. freie Wille! Das ist schon ein sehr diskussionswürdiges Thema. So wie das Thema/der Begriff Freiheit ja allgemein. Gerne demnächst auf einen Tee. Vielleicht ergibt sich daraus ja ein weiterer Blogeintrag ;-)
    Dein PeeKay