ENTSCHEIDUNG

 

 

 

 

 

 

Während er dalag, wich seine Auflehnung einer verzweifelten Heiterkeit. Das Verbluten schien ihm dem Entweichen durch geschlossene Türen ähnlich... Der Raum ... enthüllte sich als Zustand. Und war nicht der reinste aller Zustände Verlassenheit, und das Strömen des Blutes Aktion?

Ilse Aichinger: Die geöffnete Order

Stell dir vor, du kämpfst als Soldat in vorderster Front in einem unerbittlichen Krieg. Vom Feind eingekesselt, wird dir von deinen Vorgesetzten die Möglichkeit gegeben, dich einem Himmelfahrtskommando anzuschließen, das zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt die feindlichen Linien durchbrechen soll, um auf sicheres Terrain zu gelangen. Nimmst du daran teil, ist die Gefahr dabei umzukommen nicht unerheblich. Bleibst du bei der Truppe, dann ist dein Ende in absehbarer Zeit besiegelt. Wie würdest du dich entscheiden? Würdest du dich entscheiden können?

Wahrscheinlich ist dir jetzt schon klar, worauf ich hinaus will. Das oben skzzierte Szenario umreißt in etwa die Situation, in der man sich befindet, wenn man sich für eine Organtransplantation entscheidet, zumal zu der einer Lunge, was ein ganz schönes Kaliber ist, so als Organ und eben auch als Herausforderung an die Operateure.

Als ich seinerzeit meine Unterschrift unter die Einwilligung zur Listung als Transplantationskandidat setzte, tat ich dies tatsächlich in dem Bewusstsein, damit womöglich mein Todesurteil zu unterschreiben. Aber was blieb mir anderes übrig, wenn ich denn die Cance auf ein Weiterleben nutzen wollte? Jetzt wirst du sagen „Na klar, ist doch toll, dass es diese Möglichgkeit gibt!“ Genau, das fand und finde ich auch. Aber das so nüchtern zu sehen, und dann tatsächlich diesen Schritt zu gehen, sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Versuche dich da mal hineinzudenken, hineinzufühlen. (Wenn du schon mal eine OP unter Vollnarkose vor dir hattest, dann weißt du ja ansatzweise wie es ist, dieses, wenn auch eventuell nur flüchtige, sich aber sicher einstellende Gefühl des Zweifels und der Befürchtung – und des Kontrollverlusts).

Setzt du also deine Unterschrift auf die Transplantationswarteliste, signalisierst du die Bereitschaft, unter Umständen sofort auf dem OP-Tisch zu landen (praktisch wenig wahrscheinlich bei der momentan langen Wartezeit auf ein Spenderogan, aber dennoch nicht ganz ausgeschlossen), bereit für eine Hochrisikooperation. Du riskierst also dein Leben zu einem Zeitpunkt, an dem du noch einigermaßen damit zurecht kommst. Wäre dem nicht so, wärst du also schon zu schwach für einen Ausfall, um in dem oben eingeführten Militärjargon zu bleiben, dann kämst du für die Aktion gar nicht in Betracht.

Es gibt nunmal Entscheidungen im Leben, die deinen ganzen Mut erfordern. Und wenn es dabei um Leben und Tod geht, dann musst du Stellung beziehen. Und dann gibt es auch keinen Vorgesetzten, der dir sagt, was zu tun ist. Dann bist du ganz allein mit dir und deinen Nöten. Aber auch nur du allein kannst entscheiden, was das Richtige für dich ist. Einfach drauf zu zu warten und nichts zu tun, ist natürlich auch eine Option. Wenn man die Konsequenz akzeptiert, dann ist das auch in Ordnung. Schlimm wird es erst, wenn man sich zu spät entscheidet bzw. zu einem Zeitpunkt umentscheidet, an dem es zu spät ist.

Meiner Schwester ist dies widerfahren. Sie konnte sich nicht entschließen. Entschieden war sie allerdings. Pro TX. Nur schob sie diese Entscheidung zu lange auf. Winters hoffte sie immer diesen zu überstehen, um dann im Sommer, wenn es ihr besser ging, zu verdrängen, dass die Zeit knapp wird. Als es dann keinen Aufschub mehr gab, war sie zu schwach, um in die kräftezehrende OP zu gehen. Um sie in einen operablen Zustand zu bringen, sollte ihre eine Magensonde gelegt werden. Es gab Komplikationen, die ihr den Tod brachten. Meine Schwester blieb zu lange eingekesselt von nachvollziehbarer Angst und Zögerlichkeit. Und dann war es zu spät.

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