IM KRANKEN HAUS

Dieser Krankenhausaufenthalt sei ihm urplötzlich, gar nicht im medizinischen, sondern im existentiellen Sinne, als eine unumgängliche Notwendigkeit erschienen, er sei hier im Krankenhaus, in dem, so er, zu lebenswichtigen und existenzentscheidenden Gedanken geradezu herausfordernden Leidensbezirk zu einem grundlegenden Überdenken seiner und auch meiner Situation gekommen. Von Zeit zu Zeit seien solche Krankheiten, tatsächliche oder nicht, wie er sich ausdrückte, notwendig, um sich jene Gedanken machen zu können, zu welchen der Mensch ohne eine solche zeitweise Krankheit nicht komme. Wenn wir nicht auf die natürlichste Weise und also von der Natur aus ganz einfach dazu gezwungen sind, in solche Denkbezirke, wie sie zweifellos solche Krankenhäuser und überhaupt Spitäler im allgemeinen sind, zu gehen, müssen wir auf die künstliche Weise solche Krankenhäuser und Spitäler aufsuchen, auch wenn wir solche uns in Krankenhäusern und überhaupt Spitälern hineinzwingende Krankheiten in uns erst finden oder erfinden oder gar künstlich erzeugen müssen, so er, weil wir sonst nicht in der Lage sind, auf das lebenswichtige und existenzentscheidende Denken zu kommen.

Thomas Bernhard Der Atem – Eine Entscheidung, 1981

Erste Gedanken zum Thema Krankenhausaufenthalt: Erzwungener Boxenstopp. Schuss vorn Bug. Auszeit wider Willen. Alles auf Null. Time to say shit or goodbye. Rausgerissen aus dem Alltag. Zurückgeworfen auf sich selbst. Ausgeliefertsein. Leidenszeit. Krank machendes Umfeld. Kulminationspunkt der Verderbnis. Soviel Leid, soviel Schmerz. Deprimierend. Schattenseiten des Daseins. Memento mori. Ein Kranker unter Kranken. Eine Welt für sich. Eine Maschinerie.

Was sind deine spontanen Gedanken zu diesem Thema?

Ich habe schon viele Berliner Krankenhäuser von innen gesehen. Und das meist nicht als Besucher. Es ist immer wieder schlimm, wenn es sich abzeichnet, dass ein Klinikaufenthalts unvermeidlich wird. Die Zeit vor der (Selbst)Einweisung/Entscheidung ist wahrlich ein Ringen mit sich selbst und ein Hoffen auf Abwendbarkeit. Gelingt dies dann nicht, stellt sich bei mir immer ein Gefühl der Kapitulation ein. Wieder eine Schlacht verloren. Dann heißt es wieder einrücken, um eine Bronchitis nicht zu einer Lungenentzündung auswachsen zu lassen, die das Lungengewebe dauerhaft schädigen würde. Wieder eine zweiwöchige hochdosierte Antibiotika- Infusionstherapie über sich ergehen lassen, die die Darmflora komplett zerstört. Wieder Aufrappeln nach Entlassung in den Alltag. Ist die Entscheidung dann aber gefallen, bleibt nichts anderes übrig als sich zu fügen und den Aufenthalt im zeitweisen Exil möglichst sinnvoll auszufüllen.

Hier nun besteht also die Möglichkeit, die bei Thomas Bernhard angesprochene Denkweise einzunehmen und sich die Gedanken zu machen, die man sich andernfalls, verstrickt in seine Alltäglichkeiten, nicht macht. Wie geht es weiter? Wird mein Vorzustand wiederhergestellt? (Werde ich gesund? ist eine für einen Chroniker nicht angemessene Frage, denn gesund war er ja nie bzw. vor dem Klinikaufenthalt schon lange nicht mehr). Zeit der guten Vorsätze. Nachdenken über die letzten Dinge. Das letzte Ding. Ein Ding drehen. Und wenden. Bis es dir zwischen den Fingern zerrinnt. So wie der Sand im Stundenglas. Wie lange noch? Du bekommst Demut gelehrt. Ob du dabei Demut lernst, liegt bei dir. Wieder zuhause wird sofort das und das, und auch dieses und jenes angegangen und erledigt. Testament, Patientenverfügung, Vollmachten, Passwortliste ... Man will ja nun vorbereitet sein – oder man verdrängt das gerade erst Zurückliegende und geht zum business as usual über. Ging ja nochmal gut. War ja gar nicht so schlimm.

Die Geisteshaltung, die sich in einem Krankenhaus einstellt, umgeben von morbiden Gestalten und z. T. mönströsen Apparaturen, ist die von Resignation und Larmoyanz. Ist man erstmal ganz unten, nimmt man zwangsläufig eine andere Perspektive ein. Das Gefühlsspektrum kann von Wut bis Demut reichen - und wieder zurück. Ein Wechselbad. Vom Ekel über die Banalität der Dinge bis hin zur puren Freude über ihr schieres Vorhandensein.

Zweiter Gedanke zum Thema: Rettender Hafen. Helfende Hände. Heilende Kräfte. Sichere Obhut. Fürsorgliche Pflege. Helden des Alltags. Spürbare Linderung. Hoffnung auf Besserung. Aufkeimende Zuversicht. Endlich mal Zeit für ein gutes Buch. Zeit zur Reflexion, zur Kontemplation.

Bei all den Unannehmlichkeiten, die man dann doch immer wieder annimmt, ist es ja schon ein Glück, dass man eine Anlaufstelle hat, zu der man sich begeben kann, wenn man alleine nicht mehr weiter weiß. Das Lästern und Schimpfen über das Krankenhaus entspringt ja nur dem Widerwillen über die Tatsache, dass man krankheitsbedingt hilfsbedürftig ist. Nicht das Krankenhaus als solches ist schlimm, sondern der Umstand, dass man es nötig hat, es aufsuchen zu müssen. Und dann  mit dem Leid, dem eigenen und dem anderer, konfrontiert zu werden. Und dieses manchmal direkter und näher als es einem genehm ist, gerade in Zwei- oder Mehrbettzimmern, wo einem nichts Menschliches mehr fremd bleibt. Ob man wil oder nicht.

Dann eher doch, im Gegensatz zu der These des in der Bernhardschen Textpassage Gesagten, wohl dem, der nie eine Klinik   von innen sehen musste. Dann würde auch ich es lieber mit Blaise Pascal halten, dessen Satz Thomas Bernhard seiner Erzählung vorangestellt hat:

Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden,

sind sie, um glücklich zu sein, übereingekommen, nicht daran zu denken.

Kann ich aber nicht. Unglücklich bin ich deswegen aber auch nicht.

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Kommentare: 2
  • #1

    Bettina (Donnerstag, 30 August 2018 14:37)

    > Im kranken Haus einer Parallelwelt <

    Thomas, du konntest es nicht besser von allen Seiten beleuchten. Allem Raum geben und einen mitnehmen in eine (bekannte) Parallelwelt, die man als (augenscheinlich) Gesunder gern negiert in einem kindlichen Kopf-in-den-Sand-stecken.

    Voller Dankbarkeit für die Menschen, die dir hier zur Seite stehen ��

  • #2

    Rolf (Montag, 03 September 2018 22:48)

    Liebster Thomas,
    versuche immer wieder, dir durch eine dicke Decke nahe zu sein. Wenn ich vorbeikomme, schiebe ich dir ein wenig Energie und Luft unter der Tür durch. Du beeindruckst mich zutiefst mit deiner Kraft und Zuversicht. Auch ich liebe Thomas Bernhard, er ist ein wunderbarer Trostspender.
    Fühle dich umarmt,

    Rolf