SISYPHOS

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.
Albert Camus Der Mythos von Sisyphos, 1942

Es war im Herbst 1988, ich war gerade frisch an der TU Berlin immatrikuliert, als ich einen Anruf vom Gesundheitsamt Tiergarten erhielt, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich mich dort zu einer Nachbesprechung zur damals für Studienanfänger noch obligatorischen Gesundheitsprüfung einfinden solle. Was soll das?, dachte ich. Sagte denen doch, dass ich ein Lungenleiden habe. Ich also hin, wurde dort nochmal geröntgt und dann direkt in die Lungenklinik Heckeshorn transportiert. Diagnose: Fortgeschrittener Pneumothorax*. Bitte was? Hatte ich vorher noch nie gehört, den Begriff.

Dem einen Pneu folgten in kurzen Abständen zwei weitere. Das erste Semester war gelaufen. Statt, wie nach erst im Sommer erfolgtem Umzug in die große Stadt geplant, die Zeit in den Hörsälen der TU zu verbringen, lag ich auf Halde, mit Schläuchen im Brustkorb, die in einer Unterdruckflasche endeten. Statt mich zukunftsorientiert in die Kunst der Architektur einweisen zu lassen, wurde ich zum Nachdenken über eine unsichere Zukunft ins Krankenhaus eingewiesen.

Bei einem dieser Aufenthalte schenkte mir eine damalige Freundin das Büchlein Der Mythos von Sisyphos. Der Name Camus sagte mir zu der Zeit gar nix. Und dann plötzlich sprach ein Vertrauter zu mir aus diesen Seiten. Das Absurde hatte genau zur rechten Unzeit meinen Nerv getroffen. Und … wer das Absurde einmal erkannte, muss für immer mit ihm verbunden bleiben, hoffnungslos.

Sisyphos, König von Korinth, einer der Klügsten und Cleversten seiner Zeit, hatte den Unmut der Götter auf sich gezogen. Womit, darüber gibt es in der altgriechischen Mythologie verschiedene Versionen. Über die verhängte Strafe nur eine. Er musste bekanntermaßen auf ewig einen riesigen Felsbrocken einen Hügel hinaufwälzen, auf dass dieser, kaum oben angekommen, gleich wieder zurück ins Tal rollte.

Und diesen Menschen soll man sich als einen glücklichen vorstellen? Nach Camus liegt die Tragik dieses Mythos darin, dass der Held sich seiner Lage bewusst ist. Er ist sich im Klaren über die Absurdität seines Tuns – und tut es trotzdem! Und darin liegt sein Triumph, sein Sieg über das Schicksal. Sein Schicksal gehört ihm. ... Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann. Dieses Trotzdem wurde zu meinem Lebensmotto.

Der Vergleich mit Sisyphos ist im Zusammenhang mit einer chronischer Erkrankung sicherlich überstrapaziert. Dennoch – oder gerade deshalb – hat er seine Berechtigung. Immer wieder aufrappeln und doch nie loskommen von den Beschwerden, die einem die Krankheit auferlegt. In meinem Fall ist es ein immerwährendes Auf und Ab zwischen Infekten, deren Behandlung oft einen Krankenhausaufenthalt oder eine Heimtherapie nötig werden lassen, um danach für einige Zeit beschwerdefrei(er) zurecht zu kommen. Bis zum nächsten Infekt. Und begünstigt durch die ständig künstlich aufrecht erhaltene Immunschwäche zur Abstoßungsvermeidung meiner (Spender)lunge kommt es leider (viel zu) oft dazu. Dann gilt es aufs Neue, sich den Gegebenheiten zu stellen und ohne zu resignieren den Anstieg zu bewältigen, trotzdem man weiß, dass keine endgültige Heilung auf dem Gipfel wartet. Man hat sich wieder ein wenig Luft verschafft. Bis zum nächsten Mal. Stillstand bedeutet den Tod.

Stellt mich euch also als einen glücklichen Menschen vor.

Hier nun könnte die heldenhafte Geschichte ein Ende haben. Hat sie auch, im Mythos. Auf die Farge, was wäre, wenn Sisyphos sich der Strafe entziehen würde, gibt die Erzählung keine Antwort. Was, wenn er, statt wieder den Felsbrocken auf den Hügel zu wuchten, in der nächstgelegenen Taverne verschwände, sich einen Ouzo bestellen und lauthals verkünden würde, man solle doch Herrn Camus für diese Sch...arbeit heranziehen, wenn ihn das glücklich macht. Was hätte Sisyphos zu verlieren? In der Unterwelt, also im Jenseits, war er ja eh schon. Warum also verweigert er sich nicht? Hast du darauf eine Antwort? Warum tust du oft, evtl. täglich, Dinge, die du gar nicht tun willst? Was veranlasst dich, dich immer wieder aufs Neue zu motivieren?



 

P.S.: Die Geschichte mit den Pneus wurde übrigens letztendlich durch Verkleben des Lungenfells mit dem Brustfells mittels Einspritzen von Talkum in die Pleurahöhle geregelt (sog. Pleurodese). Dann war, nach der intensivsten Schmerzerfahrung meines bisherigen Lebens, erstmal Ruhe im Karton. Die Sache sollte mir erst wieder 15 Jahre später Probleme bereiten, genauer gesagt dem TX-Operationsteam beim Entfernen der alten Lunge, da diese ja mit dem Brustfell verwachsen war und nicht mal einfach so aus dem Brustkorb zu lösen war (s. Abschnitt 4 meines TX-Berichts).

* Der Pneumothorax ist ein je nach Ausprägung lebensbedrohliches Krankheitsbild, bei dem Luft in den Pleuraspalt gelangt und damit die Ausdehnung eines Lungenflügels oder beider Lungenflügel behindert, sodass diese für die Atmung nicht oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Quelle: Wikipedia


Alle kurisv gesetzten Texte aus: Der Mythos von Sisyphos, rowohlts deutsche enzyklopädie, Ausgabe Oktober 1986

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