AUFSTEIGENDE GEDANKEN

 

 

 

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
"Dies alles ist mir unterthänig,"
Begann er zu Ägyptens König,
"Gestehe, daß ich glücklich bin."
Friedrich Schiller Der Ring des Polykrates, 1797

In meiner Heimat, der Region, aus der ich vor ziemlich genau 30 Jahren auf- und ausgebrochen bin, dem oberfränkischen Bamberger Umland, gibt es eine Erhebung, die sich Ellerer Berg nennt. Sie ist ein Anstieg zum Fränkischen Jura und über eine engkurvige Serpentinenstrecke zu erreichen. In meiner Vorstellung sitze ich da oben auf einem Felsvorsprung und schaue auf das unter mir liegende Tal. Es ist ein idealisiertes Bild, und so wie einem ja oft frühere Eindrücke und Erlebnisse mächtiger und „wahrer“ vorkommen, als sie es tatsächlich waren, so ist das Tal in Wirklichkeit nicht so weit, die umgebenden Hänge nicht so steil. Aber vor meinem geistigen Auge bietet sich mir ein majestätischer Anblick. Ich stelle mir vor, dass durch dieses Tal mein Lebensweg führt. So wie die Serpentinen von rechts nach links schwingen, so verlief auch mein Weg durchs Leben nie geradlinig, immer über Umwege. Aber er hat mich bis hierher auf dieses Felsplateau geführt.


Mein Auge folgt diesem Weg, beginnend sehr weit hinten, im Morgendunst. Ich als kleiner, schüchterner Pummel, so schüchtern, dass er schon damals schwerlich in Kontakt mit anderen kam; aber auch als jähzorniger Wüterich, der sehr schnell sehr aufbrausend werden konnte. Dann eine erste Kehrtwende, ein erster Anstieg. Ich als Jugendlicher, der verzweifelt versucht, sich in einem Soziotop heimisch zu fühlen. Wechselnde kurzfristige Freundschaften. Studium in München, Studium in Bamberg, dann – aller Versuche sind drei – Studium in Berlin. Und dann das noch immer herüberstrahlende Glück, auf die Frau fürs Leben zu treffen. Entschädigung für alle vergangenen und zukünftigen Beschwernisse. Was habe ich ihr nur angetan!

Nun oben sitzend, sehe ich mich äußerlich ähnlich dem Bruno Ganz, als er Tiziano Terzani verkörperte. Weiß gekleidet hockt er in heiterer Gelassenheit inmitten der Natur. Der Aufstieg ist geschafft, hinter ihm liegt das Tal vergangener Mühen, aber auch erhebender Momente. Vor ihm ein Feld der Möglichkeiten. Wieviele Möglichkeiten werden sich noch ergeben?

Das Gedicht von Schiller war eines der liebsten meines Vaters. Es handelt von Polykrates, dem Tyrannen von Samos, dem während des Besuchs des ägyptischen Königs soviel Glück zuteil wird, dass dieser es nicht fassen kann und, eine Bestrafung der Götter zur „Glücksnivellierung“ fürchtend, schleunigst von der Insel flüchtet. Ich konnte sie mal auswendig hersagen, die 16 Strophen. Freiwillig gelernt, nicht schulisch verordnet, wie die 20-strophige Bürgschaft. Den Ring habe ich mir wohl auch deshalb eingebläut, um meinem Vater zu gefallen oder es ihn gleich zu tun. Er starb vor fünf Jahren, 81-jährig. Manchmal vermisse ich ihn. Nicht oft, dann aber intensiv. Und seit ich selbst Vater bin, nun schon seit 19 Jahren, kann ich sehr viel besser nachempfinden, wie schmerzlich es denn sein muss, ein chronisch krankes Kind an seiner Seite zu haben. Gottlob ist mein Sohn gesund. Ein großes Geschenk. Aber wäre er das nicht, ich würde ihn genauso lieben.

Ein oft von meinem Vater zitierter Satz von Ovid lautet: „Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.“ (Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist doch der Wille zu loben), wobei mein Vater immer mal wieder darauf hinwies, dass es sich bei laudanda um ein Gerundivum handelt und es wörtlich heißen müsste „... so ist doch der Wille ein zu lobender.“ So war er, der Vadda. Humanist der alten Schule. Ausgestorbenes Fossil. Polyhistorisch gebildet, emotional verkapselt. Ob er diesen lateinischen Spruch immer mal wieder zitierte, um vor uns sein von ihm evtl. selbst empfundenes Ungenügen zu begründen (von mir wurde es nicht empfunden) oder er mir damit subtil Anerkennung zukommen lassen wollte, weil ich trotz Bemühens nicht immer alle gesteckten Ziele erreichen konnte, weiß ich nicht. Vielleicht gefiel um einfach nur das Versmaß.

„Gestehe, dass ich glücklich bin.“ War mein Vater glücklich? Ich glaube es nicht. Vielleicht war er kurz vor seinem Tod glücklich. Diesen zwar nicht herbeisehnend, aber doch herbeierwartend, war mein Vater bar jeder Illusion, dass ihm das Leben noch etwas zu bieten hätte. Schon früher, ich war Anfang 20, meinte er mal in einem Moment seltener emotionaler Öffnung, diejenigen, die keine Kinder hätten, wären wohl besser dran. Das traf mich schon hart. Zeigte aber auch, wie anstrengend es sein musste, drei Kinder großzuziehen, zumal wenn zwei davon ernsthaft krank waren.

Eine Frage, die mich immer wieder mal beschäftigt, ist, sollten Kranke Kinder haben? Der Kinderwunsch ist ja letztendlich immer ein egoistischer. Das ungeborene, genauer gesagt ungezeugte Kind weiß nichts vom Leben. Es ist eine Gestalt im (Lebens)traum seiner Eltern (bestenfalls beider Elternteile). Kann ein chronisch Kranker, dessen Leben ständig von der ihn umfangenden Krankheit bedroht ist, guten Gewissens verantworten, Leben zu spenden, während sein eigenes womöglich bald endet? Letztendlich muss diese Frage jeder für sich selbst beantworten. Meine Entscheidung pro Kind werde ich an anderer Stelle noch zu begründen haben.

Welche Auswirkungen, gar Traumata das Heranwachsen an der Seite eines Schwerkranken evtl. mit sich bringen, ist wohl erst für das betreffende Kind in späteren Jahren erfassbar. Vielleicht mache ich mir hier aber auch zu schwere Gedanken und es ist alles viel „natürlicher“ als ich es hier heraufbeschwöre. Zweifel bleiben jedoch bestehen. Wie wird sich mein Sohn diesbezüglich entwickeln? Wie werde ich ihm in Erinnerung bleiben? Als verständnisvoller, zugewandter Begleiter? Als mental starke, besonnen agierende Persönlichkeit? Als durchsetzungsschwaches Weichei?

Du lebst in deinen Taten fort. Es gibt noch einiges zu tun!

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin (Donnerstag, 06 September 2018 18:04)

    Danke, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.

  • #2

    Bettina (Donnerstag, 06 September 2018 18:53)

    Es gibt noch einiges zu tun... ja... wenn ich es ganz egoistisch formulieren darf: Ich möchte mehr, mehr hören/lesen von dir, deinen Gedanken und ähnlich Erlebtem, deiner Poesie. Der Tiefe und dem ums Eck kommenden Humor trotz - oder aber erst recht wegen - der Schwere. Danke ��