BUDDHA VS. BAAL

 

 

 

 

 

Wenn auch die Worte geschrieben sind:
"Nicht pflückt die Blüten! Sind lebend Wesen!"
Die Zeichen vermögen nichts gegen den Wind,

denn der Wind, der kann nicht lesen.“
Japanisches Gedicht

In der Einleitung zu seinem Buch Zen-Buddhismus und Psychoanalyse zeigt Erich Fromm anhand zweier Gedichte die unterschiedliche Mentalität, mit der in der östlichen und der westlichen Zivilisation die Wirklichkeit betrachtet wird. Für die östliche Sichtweise hat er einen Kōan von Basho (1644-1694) ausgewählt, für die westliche ein Gedicht von Alfred Tennyson (1809-1892).

„Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh‘ ich die Nazuma [eine Blume]
An der Hecke blühen!“
Basho

„Blume in der geborstenen Mauer,
Ich pflücke dich aus den Mauerritzen, mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand,
Kleine Blume - doch wenn ich verstehen könnte,
Was du mit all den Wurzeln und alles in allem bist,
Wüsste ich, was Gott und Mensch ist.“
Tennyson

Die Quintessenz von Fromms Betrachtungen lautet, dass Tennyson/der Westen analytisch und aktiv zu Werke geht, um seine Neugier zu befriedigen. Er reißt die Blume mitsamt Wurzelwerk aus ihrem Nährboden. Basho/der Osten berührt sie nicht einmal, schaut sie nur aufmerksam an. Das Verstehen-Wollen/Müssen steht einem Gelten-Lassen gegenüber. (Im weiteren Verlauf untersucht Fromm die Technikversessenheit des Westens und was diese mit dem Menschen macht. Bemerkens-und lesenswert, vor allem, wenn man bedenkt,  dass der Text aus dem Jahr 1957 stammt).

Welche Anschauung ist dir sympathischer? Sicherlich wirst du mit mir einer Meinung sein, dass die östliche die angenehmere, zusagendere ist. Ja, den sanften Weg gehen, der Natur kein Unrecht antun. Bewahren, nicht zerstören. Was kann daran schlecht sein? Technik hingegen ist künstlich, unnatürlich und kann zerstörerisch sein.

Hier aber offenbart sich mir das ganze Dilemma meiner Existenz. So sehr ich auch den natürlichen Weg gehen würde, so wäre ich als kranker Mensch ohne die medizintechnischen Errungenschaften nicht mehr am Leben. Nun lässt sich einwenden, dass in diesem Fall die Technik etwas gutes ist (sie muss ja per se nicht schlecht sein). Aber widernatürlich ist es dennoch, ein Leben, das auf natürliche Weise nicht mehr lebensfähig ist, künstlich zu erhalten. Und in meinem Falle würde ein ausschließliches Vertrauen auf sog. Alternative Naturheilmethoden ein uneingehbares Risiko darstellen, so gern ich auch auf die Hard-Core-Medizin verzichten würde. Weg von den Chemiekeulen mit ihren teils unabsehbaren Nebenwirkungen, hin zu Bachblüten und Globuli (um mich nicht misszuverstehen, ich nehme auch diese unterstützend zu Hilfe). Manchmal habe ich den Wunsch, es darauf ankommen zu lassen und die ganzen Medikamente , die dazu dienen sollen, dass meine Spenderlunge nicht von meinem körpereigenen Immunsystem abgestoßen wird, abzusetzen. Diese Lunge müsste doch – verdammt nochmal – nach 15 Jahren in der Lage sein, ohne diese Medikamente auszukommen, oder, anders gesagt, warum sollte meinem Körper (Dualismus!) immer noch vorgegaukelt werden müssen, dass da gar kein Fremdkörper ist. Aus Fremden werden Freunde! Aber letztendlich fehlt mir dann doch die Traute für dieses womöglich Tod bringende Experiment – und weiter geht es mit dem Schlucken von Immunsuppressiva, Antibiotika und Cortison.

Selbstverständlich habe auch ich, wie wohl jeder Kranke in ähnlicher Situation, versucht alternative Methoden zu finden, die meinen Zustand verbessern. Denn wer heilt, hat Recht. Im Laufe der Zeit habe ich viele Heilverfahren ausprobiert, war bei Homöopathen und Heilpraktikern, bei einem Energiecouch und einer Schamanin, sogar beim Pendeln und bei einem hawaiianischen Geistheiler. Vielleicht hat ja alles zusammen dazu gedient, mich über all die Jahre einigermaßen aufrecht durchs Leben gehen zu lassen. Schnell kann es aber passieren, dass man sich bei der Fülle von Alternativen verzettelt. Und bei welcher Therapie kann man schon sicher sein, dass genau diese es ist, die einem hilft? Die sog. westliche Schulmedizin mit ihren technisch Fortschritt war somit immer die Leitmedizin, auf die ich nicht verzichten konnte und wollte. Und es ist ja auch verblüffend, was heutzutage alles machbar ist. Manchmal auch über das Sinnvolle (und Vertretbare?) hinaus. Das technikgläubige, bereits bei Sir Francis Bacon*, einem Zeitgenossen Descartes (!), im frühen 17. Jahrhundert einsetzende anything goes-Denken stößt jedoch an seine Grenzen. Die Frage, ob alles technisch Machbare auch durchgeführt werden soll/muss, wird irgendwann auch ökonomisch beantwortet werden müssen. Diskussionen hierzu sind bereits in vollem Gange.

Ich jedenfalls habe mich mit meiner Entscheidung pro TX dem medizintechnisch-pharmazeutischen Komplex „ausgeliefert“, wenn man das jetzt mal so martialisch ausdrücken mag. Ich profitierte und profitiere davon. So gesehen schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das Buddhas und das Baals.

Mit einem gedanklichen Kunstgriff versuche ich diesen Widerspruch zu lösen. Nach dem Satz von Friedrich von Schlegel „Der Mensch ist ein schaffender Rückblick der Natur auf sich selbst“ ist der Mensch bei all seinem Tun und mit all seinen Hervorbringungen selbst ein Produkt der Natur. Und somit wäre alles, was er tut, natürlich.

Das einleitende Gedicht aus Japan wiederum stellt den Menschen der Natur gegenüber und zeigt, dass diese sich nichts vorschreiben lässt – schon gar nicht vom Menschen, der sie zu bezwingen versucht, und damit sich selbst. Die Natur an sich ist weder gut noch böse. Sie ist. Und sie gehorcht ihren eigenen Gesetzen.


*Trivia: Er starb 1626 an den Folgen des einzigen von ihm überlieferten empirischen Versuchs: Beim Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog er sich eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung. Quelle: Wikipedia

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