ERWARTUNG

 

 

 

 

Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)



Was erwartest du dir? Vom heutigen Tag? Von diesem Blogeintrag? Von deinem Partner? Von deiner Versicherung? Vom Leben? Von dir?

 



Ich hoffe, du gehörst nicht zu den Leuten, die auf die einleitende Frage mit „Ich erwarte mir nichts“ oder, noch krasser, „Ich erwarte mir nichts mehr“ antworten. So etwas sagt wohl nur jemand, dem das Leben übel mitgespielt hat, der schwer enttäuscht wurde und aufgrund tiefer Verletzungen, zugefügt von unheilvollen Vorkommnissen, unglücklich verlaufenden Begegnungen mit anderen Menschen, verbittert wurde. Oder ist diese Aussage nur Resultat zu hoher und dann enttäuschter Erwartungen an andere, zu hoch, um von diesen erfüllt werden zu können? Hat der die Aussage Treffende vor seiner Resignation evtl. zuviel von sich oder anderen verlangt? Ich vermute dahinter eine Schutzbehauptung. Im Grunde steckt hinter dieser Haltung die eines Opfers. Meint also, wer nichts (von anderen) erwartet, der kann auch nicht (von anderen) enttäuscht werden? Meint, wer nichts mehr erwartet, es würden dann auch keine Erwartungen an ihn gestellt werden? Aber was ist mit den Erwartungen an sich selbst? Diese lähmende Angst vor Enttäuschung, die einen daran hindert einen Schritt nach vorne zu gehen. Man sieht sich nicht fähig, seinen eigenen Erwartungen gerecht zu werden und gerät dann noch tiefer in die Enttäuschung – über sich und das Leben. Man verliert das Zutrauen zu sich selbst.

Jedoch kann ich jemanden, der sich nichts (mehr) erwartet, nicht ernst nehmen. Ich kann ihm das nicht abkaufen. Denn man kann schlicht und einfach kein Leben führen ohne Erwartungen. Der Mensch plant immer in die Zukunft. Das beginnt doch schon gleich morgens nach dem Aufstehen. Auch wenn da niemand ist (Chef, Eltern, Partner), der einem sagt, was zu tun ist – und gerade dann –, ist es unabdingbar, einen Plan zu haben. Und da er dann auf das Geplante, das von ihm Beabsichtigte hinarbeitet, erwartet der Mensch auch, dass es sich realisiert. Alles andere wäre widersinnig. Also weg mit diesem widersinnigen Satz! Erwartet euch das Beste, Schönste, Tollste, Wunderbarste – im Rahmen der Möglichkeiten. Denn problematisch sind nur übersteigerte, unrealistische Erwartungen. Ein Pinguin ist keine Giraffe. Erwartungen haben bedeutet Zuversicht haben. Und Zuversicht bedeutet Leben! Der Mensch hofft, solange er lebt. Und was ist Hoffen anderes als sich Gutes zu erwarten? Wobei ich den graduellen Unterschied machen möchte, dass Erwartung einem absichtvollen Planen folgt, während Hoffnung auch ohne aktives Dazutun, also auch außerhalb der planenden Möglichkeiten desjenigen, der hofft, gehegt werden kann.

Den einleitenden Satz von Hegel habe deshalb ich gewählt, um zu verdeutlichen, dass man sich zwar alles mögliche erwarten kann, es aber auch der Tat bedarf, damit diese Erwartungen in Erfüllung gehen können. Hierzu fällt mir eine Anekdote ein, die ich als Teilnehmer einer Gruppenreise nach Czernowitz von unserem Stadtführer beim Besuch einer alten Synagoge hörte: Schlomo kommt zum Rabbi und jammert ihm zum wiederholten Male vor, dass Jahwe es nicht gut mit ihm meine. „Wieso lässt er mich nicht auch mal in der Lotterie a schöns Geld gewinnen, so wie meinen Nachbarn, den Levi?“, worauf der Rabbi ihn genervt anherrscht: „Ja dann kauf dir doch endlich mal a Los!“

Sich vieles, alles zu erwarten und nichts dafür tun, ist vermessen. Vermessener ist es jedoch, sich nichts zu erwarten und alles dafür zu tun, dass es dann auch eintritt, das Nichts. Damit würde derjenige entgegen der menschlichen Natur agieren. Jeder Mensch handelt aus den für ihn besten und nahe liegendsten Gründen, auch wenn diese für den/die anderen negative Folgen haben können (bis hin zum Mord!). Der Handelnde erwartet sich von ihrer Umsetzung eine Verbesserung seiner Situation, und sei es auch nur für eine momentane Bedürfnisbefriedigung. Hunger, Sex, Wut, Rache, Anerkennung, Liebe. Wer dieses Handeln aus bestem Grunde in menschlichen Beziehungen berücksichtigt, der hat den öffnenden Schlüssel zum Verständnis des anderen und erhält einen mitfühlenden Blick auf dessen Tun. Und schafft auch ein Gefühl für die Erwartungen seines Gegenübers.

Der Nichts-erwarten-Spruch jedoch geht in die gleiche Richtung wie „Wer nichts macht, macht nichts verkehrt“ oder „Wer nicht für mich ist, ist gehen mich“. Klassisches Schwarz-Weiß-Denken. Dass man damit die ganze Palette an Zwischentönen ausblendet, ist bedauerlich. Das Leben ist mannigfach, die Menschen sowieso. Und in jedem Menschen steckt ein eigenes Universum. Also auf zu fernen - und doch so nahen - Galaxien!

Nach diesem fast schon hymnischen Aufruf zum Hegen und Pflegen von Erwartungen bleibt aber doch noch die Frage, wie damit umzugehen ist, wenn sich auch bescheidene Erwartungen nicht erfüllen. Soll’s ja geben. Ist mir auch schon passiert. Erst in jüngster Vergangenheit musste ich mir einen neuen Port implantieren lassen (unter der Haut liegende Membran zur Durchführung von Infusionstherapien). Es gab Komplikationen. Kurz danach kam eine sog. Addisonkrise hinzu (Nebennierenrindeninsuffizienz). Nachdem der dadurch gestörte Elektrolytehaushalt wieder einigermaßen im Lot war, bekam ich eine Bronchitis, die mich zu einem dreiwöchigen Klinikaufenthalt zwang. Nachdem diese auskuriert war und ich wieder besser Luft bekam, erlitt ich am Tag der Entlassung beim ersten Tritt auf die Treppenstufe hoch in meine Wohnung einen Achillessehnenriss, eine eher seltene Nebenwirkung eines mir intravenös verabreichten Antibiotikums. Die durch bessere Lungenfunktionswerte gewonnene größere Mobilität war damit wieder eingeschränkt und ich bin momentan auf Krücken und Rollator angewiesen. Man könnte meinen – Pechsträhne, nichts will gelingen. Der Flow ist weg, alles läuft unrund. Ein Rückschlag folgt auf den nächsten. Und vor jedem Rückschlag hatte ich die bescheidene Erwartung, dass es nun mal gut ist und ich zumindest auf dem momentanen Stand regenerieren kann. Man fragt sich „Was läuft schief?“, wenn man seinen Erwartungshorizont dann immer weiter herunternimmt, nehmen muss. Es ist schwer, dann nicht mutlos zu werden. Sucht man den „Fehler“ bei sich? Macht man ein Schicksal verantwortlich? Ich für meinen Teil erwarte mir eine schnelle Heilung des Risses und bereite mich mental auf den wohl wieder beschwerlichen Weg der Rehabilitaion vor, nach dem Motto „Wer die schlechten Zeiten nicht übersteht, wird die guten nicht erleben.“

Wie bist du mit und in solchen Lebensphasen zurechtgekommen? Oder ist dir dieses Gefühl gänzlich unbekannt? Dann freu’ dich des Lebens!

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Kommentare: 1
  • #1

    Bettina (Montag, 24 September 2018 19:54)

    Lieber Thomas, so so wahr! Und die nächste Stufe aus der Erwartungslosigkeit wäre dann die Erleuchtung, da sind wir noch ein wenig weg davon...

    Die Gefühle in so einer Situation zeichnen ein ganzes Spektrum, ein auf und ab, ein schwarz und weiß und manchmal, leise und immer öfter kommt dann bunte Farbe hinzu. �