MITLEID

Wie ist es nun aber möglich, daß ein Leiden, welches nicht meines ist, nıcht mich trifft, doch eben so unmittelbar, wie sonst nur mein eigenes, Motiv für mich werden, mich zum Handeln bewegen soll? ... dadurch, daß ich es, obgleich mir nur als ein Aeußeres, bloß vermittelst der äußern Anschauung oder Kunde gegeben, dennoch mitempfinde, es als meines fühle,und doch nicht in mir, sondern in einem Andern [ ... ]. Dies aber setzt voraus, daß ich mich mit dem Andern gewissermaaßen identificirt habe, und folglich die Schranke zwischen Ich und Nicht-Ich, für den Augenblick, aufgehoben sei: nur dann wird die Angelegenheit des Andern, sein Bedürfniß, seine Noth, sein Leiden, unmittelbar zum meinigen: dann erblicke ich ihn nicht mehr ... als ein mir Fremdes, mir Gleichgültiges, von mir gänzlich Verschiedenes; sondern in ihm leide ich mit. ...
Dieser Vorgang ist ... mysteriös.

aus: Arthur Schopenhauer Preisschrift über die Grundlage der Moral, 1841

 

Man mag kaum glauben, dass ein bedeutender Aspekt der Schopenhauer’schen Philosophie sich dem Mitleid widmet. In seiner Ethik ist das Mitleiden die einzig moralisch wertvolle Handlung; alles andere Handeln ist auf das eigene Wohl und Wehe des Handelnden ausgerichtet, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth. Schopenhauer, dieser knallharte Zuchtmeister des Denkens, den man eher mit seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung und seinem Postulat „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ * in Verbindung bringt, der seinen Zeitgenossen als grantelnder Kauz, der nur seinem Pudel Gefühle entgegenzubringen schien, begegnete, war eben auch ein sehr feinfühliger, dabei aber ebenso kompromissloser Analyst des Mitleidens. Da er diesen Aspekt, die weitestgehende Aneignung des Leids anderer, gegenüber jeder Kreatur gelten lässt, gilt er heutzutage manchem gar als Urvater der Tierrechte.

Bei manchen ist der Begriff Mitleid verpönt. Zum einen, weil darin ein Ausdruck von Schwäche, Mangel und Bedürftigkeit liegt. Zum anderen, weil aufgrund dieser negativen Konotierung man der Meinung ist, man solle keine negativ belegten Begriffe kommunizieren. Hier wird dann der Begriff Mitgefühl bevorzugt. In Online-Foren wird sogar der Rat gegeben, sich von Mitleid bzw. Mitleid erregenden Personen fernzuhalten, da es einem nur selbst Schmerz und Leid zufügt, sich mit diesen abzugeben. Tja, Mitleid ist eben nicht jedermanns Sache und wer sich dem nicht gewachsen sieht, der sollte lieber die Finger davon lassen. Mitleid – ein heißes Eisen! Aber wenn das nur so einfach wäre. Mitleiden ist eben keine rationale Kopfsache, sondern eine Herzensangelegenheit.

Beide Begriffe – Mitleid und Mitgefühl – sind jedoch nicht synonym zu verwenden. Die Definitionen sind vielfältig. Eine lautet z. B, dass Mitgefühl dem Mitleid voraus geht, insofern, dass das Leid des anderen zunächst nachfühlt wird, und Mitleid dann als zwingende Verknüpfung zwischen der empathischen Reaktion und der helfenden Handlung passiert. Wer empathischer, also mitfühlender ist, offener für die eigenen Emotionen, kann auch besser die Gefühle anderer deuten, sich besser auf das Leiden anderer einlassen und Hilfe anbieten.

Egal ob nun Mitleid oder Mitgefühl, egal ob als Emotion (Empathie) oder als moralischer Wert gedeutet, angeborene oder durch kulturelle Prägung in jedes (?) Individuum eingeprägte Verhaltensnorm – jeder weiß was gemeint ist. Der erste Impuls des Mitleides ergibt sich schon beim bloßen Anblick eines bedürftigen Menschen, einer bedürftigen Kreatur. „Mein Gott, bin ich froh, dass ich nicht in dieser Situation bin!“, mag eine erste Reaktion sein. Dies bedeutet ja schon, dass man sich in die andere Person hineinversetzt. Stichwort Spiegelneuronen.

Oft frage ich mich, wenn ich mit mobilem Sauerstofftank und Schlauch in der Nase unterwegs bin, was sich mir auf meinem Weg Begegnende jetzt wohl denken. Ganz normal, dass man etwas Außergewöhnliches, und das ist so ein Schlauch im Gesicht ja nun mal, aufmerksam zur Kenntnis nimmt. Würde ich anstelle des Gegenübers auch so machen. Aber zwischen zur Kenntnis nehmen, also interessiert Hinsehen, und Mitfühlen ist dann doch ein Unterschied. Nicht immer, aber oft, bin ich mir dieses Unterschieds bewusst. Das liegt einfach am Blick des mich Beäugenden. Ich meine, dass diejenigen, die nur kurz hinsehen und dann ihren Blick abwenden, taktvoller und damit mitfühlender sind als die, die länger hinsehen, ganz zu schweigen von den penetrant Glotzenden, die es auch gibt. Es muss meinen Mitmenschen schon derart in Beschlag nehmen, dieser Anblick, dass er beim Nachdenken darüber, wieso ein Mensch über einen Schlauch mit so einem Gerät verbunden sein muss, vergisst wegzugucken, sondern weiterhin starrt. Oftmals so lange, bis ich selbst zurückstarre, und es dem Glotzer erst dann bewusst wird, dass er glotzt. Das nervt. Außer bei Kindern, die mich entgeistert ansehen und bei denen dann regelmäßig ein Getuschel mit Vater oder Mutter folgt. Was die Kinderchen sich wohl dazu denken und was die Eltern ihnen dazu erklären? Wenn sich die Gelegenheit ergibt, bin ich es dann, der ein paar erklärende Worte sagt.

Wie geht nun der Betroffene, der Leidende damit um „ bemitleidet“ zu werden? Wo sind die Grenzen des Mitleidens? Stell dir vor, du bist in einer bemitleidenswerten Situation (vielleicht bist du das ja auch im Moment. Oder gar dauerhaft. Vielleicht merkt das keiner?). Bis zu welchem Grade würde dir Mitleid guttun? Kannst du dir vorstellen, ab wann es beginnen kann zu nerven? Für den Bedürftigen kann Mitleid mildernd sein, kann aber auch verstärkend wirken. Als Verstärker der eigenen Ohnmacht. Zur Bewusstwerdung eigener Unzulänglichkeiten. Übertriebenes Mitleid kann beim Betroffenen zu einem Gefühl der Entmündigung führen. Man fühlt sich nicht für voll genommen. Im Mitleiden des anderen schwingt dann der Aspekt des Mangels mit. Das Paradoxe daran ist ja, dass der Mitleidende aus hehren altruistischen Absichten handelt, dass man es ihm gar nicht übel nehmen kann, wenn er Empathie zeigt. Eine Zwickmühle mitunter.

Andererseits ist ein bedürftiger Kranker ja schon auf die Hilfsbereitschaft anderer angewiesen. Dies zu leugnen wäre vermessen. Und da das Erkennen, Erspüren dieser Bedürftigkeit Mitleid voraussetzt, sollte derjenige, der es empfängt auch dankbar dafür sein, dass es ihm entgegengebracht wird. Inwieweit erwartet der Helfende Dankbarkeit? Ist Mitleid tatsächlich, wie Schopenhauer es vorgibt, immer selbstlos? Vielleicht ist es ja im Extremfall so, dass der Mitleidende „eine Performance aus der Hilfe macht, eventuell, weil man sich selbst nicht genug ist. Weil man nicht gelernt hat, wer man ist, oder weil man nicht zufrieden ist mit dem, was oder wer man ist“ (zit. nach Jörg Heidig). Sich im Aufopfern für andere definieren und seine eigenen Bedürfnisse dabei zu vernachlässigen oder gar nicht mehr zu spüren. Sich voll und ganz dem Mitleiden und Mitfühlen hingeben, bis hin zur Übergriffigkeit. Eine provokante These, die nicht von mir erdachte wurde, sondern tatsächlich in der Prozesspsychologie erörtert wird.

Oft ist es für den Mitleid Erregenden einfach nur Scham, die es ihm erschwert, das Mitleid anzunehmen. Und ich weiß wovon ich rede, gerade in meiner momentanen Situation (s. Blogeintrag Erwartung, letzter Absatz). Man ist (zumindest in den meisten Fällen) schuldlos in eine Situation geraten, in der man freiwillig nie sei wollte, ist körperlich und/oder geistig beeinträchigt. Man ist nicht man selbst, nicht (mehr) der, der man sein möchte, der man mal war. Man schämt sich für seinen Zustand der Unzulänglichkeit. Und da Scham und Schuld in engem Kontext stehen, eröffnet sich hier ein weiterer Aspekt. Denn schlimm wird es, wenn man sich der Unterstützung, der Hilfe, des Mitgefühls anderer gar nicht mehr entziehen kann, weil man alleine nicht mehr zurecht kommt. Sich dies einzugestehen ist bitter. Warum gibt es denn so oft die Aussage, dass Menschen, sollten sie mal zum Pflegefall werden, lieber stürben, als sich dem auszusetzen? Hast du dir das schon mal in seiner ganzen Tragweite vorgestellt? Sicher ist, dass es sich so einfach nicht stirbt, und man dann, wenn es soweit ist pflegebedürftig zu sein, nolens volens doch jede angebotene Hilfe dankend, aber evtl. auch schuldvoll, annimmt. Schuldvoll deshalb, weil man der gewährten Hilfe nichts entgegenzusetzen hat. Wenn es stimmt, dass das zwischenmenschliche Interagieren auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens beruht, dann ist hier ein Ungleichgewicht begründet, das nicht ausgleichbar ist, und somit Schuldgefühle erzeugt. Im äußersten Fall kann dies zu aggressivem Verhalten gegenüber der helfenden Person führen. Ein total irrationales Verhalten, aus der Scham geboren.

Wie man sieht, ist das Verhältnis zwischen Helfendem und dem Hilfe Bedürfenden ein fragiles Terrain. Hier gilt es, sich immer wieder gegenseitig über seine eigenen Befindlichkeiten, auch der negativen, auszutauschen. Aber dies gilt ja nicht nur im Verhältnis zwischen Bedürftigem und Helfendem, sondern für jede gesunde Beziehung. Oder?

 


* Die lateinische Sentenz homo homini lupus stammt aus der Komödie Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Im Originaltext steht lupus jedoch vorn. Wörtlich sagt dort der Kaufmann zu Leonida:
lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.
Übersetzung: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.
Quelle: Wikipedia

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