ICH IM DU

 

 

Weil sich das Wesen des Menschen nur in der Beziehung zum Mitmenschen verwirklichen kann, müssen „alle Bemühungen und emotionalen Kräfte, die bisher in die Verehrung von Göttern investiert wurden, auf die zwischenmenschlichen Beziehungen konzentriert werden“.

„Homo homini deus est – dies ist der oberste praktische Grundsatz“.

Ludwig Andreas Feuerbach Das Wesen des Christentums
 

Zu der Zeit, als es sich abzeichnete, dass ich um eine Lungentransplantation nicht mehr herumkommen würde, traf ich mich mit einem damaligen Freund zum Essen. Bei der dabei geführten Unterhaltung sprach ich auch an, dass es mich beschäftigt, inwieweit mich die bevorstehende Operation wohl verändern würde, nicht nur körperlich, sondern auch charakterlich. Meine Sorge bestand tatsächlich darin, dass ich mit der neuen Spenderlunge und der mir dadurch zufließenden Energie ein anderer Mensch würde, in dem Sinne, dass ich gewohnte Verhaltensmuster ablegen, und dass auch in mir schlummernde negative Charaktereigenschaften stärker hervortreten würden. In meiner Kindheit war ich nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse. Vielleicht war mein damaliger Jähzorn und mein aufbrausendes Temperament Ausdruck eines irgendwie gefühlten Unbehagens, dass etwas mit mir nicht stimmte (was ja tatsächlich der Fall war/ist). Und da man als Kind die Mechanismen oder, weniger rational ausgedrückt, die Seelengründe noch nicht in dem Maße ausloten kann, wie es dies einem reiferen Menschen möglich ist, führte dieses Unbehagen nicht in tiefere Inneneinsichten, sondern richtete sich affektiv nach außen. (Diesbezüglich werden manche Menschen nie erwachsen). Was wäre also, wenn sich meine demütige Haltung meiner Situation gegenüber, angeeignet während meiner Jugendjahre, da mir gesundheitliche Rückschläge meinen rebellischen Geist „brachen“, nach der OP verwandeln würde in ein viel aufbrausenderes und unduldsameres Auftreten, wenn ich also mehr Ellenbogenmentalität entwickeln würde? Vielleicht wäre ich dann für mein näheres Umfeld nicht mehr nachvollziehbar und Freunde oder gar meine Frau würden sich von mir abwenden. Im Rückblick nun seltsam anmutende Überlegungen, aber damals ging mir das tatsächlich durch den Kopf.

Nachvollziehbarkeit, Berechenbarkeit – Werte, die (mir) wichtig sind, auch um im sozialen Gefüge bestehen zu können. In letzter Zeit ertappe ich mich öfters dabei, dass ich in manchen Situationen nicht ganz bei der Sache bin. Zugegebenermaßen kreisen meine Gedanken ab und zu um mir wichtigere Themen, als sie ein Smalltalk hergibt. Das bedauere ich dann sehr, weil ich damit meinem Gegenüber nicht gerecht werde. Tritt meine temporäre Geistesabwesenheit dann offensichtlich zu Tage („Was hast du gerade gesagt?“), dann wirkt das auf den Anderen schon verstörend und hat Einfluss auf seine Meinung über mich. Und wie wichtig das Wirken auf Andere bzw. die Meinung des Anderen tatsächlich ist, wirst sicherlich auch du immer mal wieder erfahren haben.

Wie wirkst du auf andere? Bist du dir deiner Wirkung immer bewusst? Wie wichtig ist dir deine Außenwirkung? Was ist dein Selbstverständnis? Was sind dein Werte? Lebst du nach ihnen? Immer? Konsequent? Worüber definierst du dich? Welcher Gruppe gehörst du an? Welcher Gruppe möchtest du dich angehörig fühlen? Welche Rolle spielst du? Spielst du sie gut?

Mir wurde die Wichtigkeit des Wirkens auf Andere vor allem während meines Architekturstudiums an der TU Berlin deutlich. Neben vielerlei Lektüre, v. a. der die Lernstoffe beinhaltenden, las ich damals u. a. auch eine Monographie über Ludwig Feuerbach*. Seine Aussagen über die Bedingtheit von Ich und Du haben mir bewusst gemacht, inwieweit der zwischenmenschliche Austausch dazu beiträgt, sich selbst zu erkennen. Ein Hauptgedanke des von Feuerbach definierten Menschenbilds lautet: „Das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten – eine Einheit, die sich aber auf die Realität des Unterschieds von Ich und Du stützt“. (Grundsätze zur Philosophie der Zukunft).

Die Erkenntnis, dass jeder Mensch durch sein Spiegeln und Reflektieren im Anderen zu dem wird, der er ist, dass er auf das Miteinander angewiesen ist, er ohne den sozialen Austausch Schaden nimmt, diese Erkenntnis kam mir gerade in meiner Berliner Studienzeit zupass und hat mir geholfen, mich als Teamworker in die Arbeitsgruppen einzubringen und mich meinen Mitstudierenden gegenüber zu öffnen und mich zu engagieren. Dies war kein einfaches Unterfangen und geschah auch nicht in kurzer Zeit, da sich bei mir in den Jahren zuvor der Eindruck verfestigt hatte, dass es mir nur bedingt möglich ist, Zutrauen zu anderen zu finden. Zu introvertiert hatte ich meine Kindheit und frühe Jugend verbracht, um aus dieser selbstgewählten Isolation leicht wieder herausfinden zu können.

Nun soll es ja tatsächlich Leute geben, die behaupten, dass es ihnen egal ist, was über sie gedacht und geurteilt wird. Spätestens beim Eingehen einer Partnerschaft werden sie diese Einstellung überdenken müssen. Ansonsten hätte dieses Partnerschaft wohl nicht lange bestand. Man kann sich nicht frei machen von der Bewertung durch andere, so wie man auch selbst nie ganz vorurteilsfrei anderen begegnet. Auch wenn man mit dem größtmöglichen Vorsatz der Neutralität das erste mal einem bis dahin Unbekannten begegnet, regt sich ein Impuls, der über Annahme und Ablehnung entscheidet – there is no second chance for a first impression. Dieser Ersteindruck kann zwar im weiteren Verlauf der Begegung revidiert werden, aber allzu oft liegt man mit seinem Bauchgefühl doch richtig.

Der Mensch ist ein vielschichtiges und oft undurchschaubares Wesen. Ein Meister des Verstellens. Niedere Beweggründe veranlassen ihn, seine Eigeninteressen auf Kosten der Mitmenschlichkeit rücksichtslos durchzusetzen und man ist es gewohnt, dass zur Verortung seines Platzes im sozialen Gefüge gemeinhin der berufliche Status und somit der finanzielle Erfolg dient. Dazu passt auch eine unlängst veröffentlichte Studie, die besagt, dass nette, empathische Menschen öfter finanzielle Probleme haben als diejenigen, die „hemdsärmeliger“ durchs Leben gehen. Wäre es nicht viel sinnvoller und naheliegender, die sozialen und emotionalen Fähigkeiten darüber bestimmen zu lassen, welche Wichtigkeit einem Menschen im sozialen Miteinander zukommt?

Warum aber ist so wenig Liebe in der Welt? Warum soviel Misstrauen und Missgunst? Vielleicht liegt es an einem permanenten Konkurrenzdenken, an kurzfristiger Vorteilsnahme, an strategischem Kalkül, das einen auch veranlasst, sich anders zu geben, sich anders zu verhalten, als man es ureigenst als altruistisch veranlagtes Wesen tun möchte. Kurz – an mangelnder Authentizität.

Wäre jeder Mensch sich seiner Bestimmung im Feuerbach’schen Sinne bewusst, dann hätten wir eine bessere Welt. Warum das nicht so ist, liegt an einer Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Bestimmung. Gibt es einen Rückweg? Hierzu nochmal Feuerbach: „Wir sollen den Menschen um des Menschen willen lieben. Der Mensch ist dadurch Gegenstand der Liebe, dass er Selbstzweck, dass er ein vernunft- und liebesfähiges Wesen ist“.

So gehet also hin und liebet einander!



*Ludwig Andreas Feuerbach (1804-1872) war ein deutscher Philosoph und Anthropologe, dessen Religions- und Idealismuskritik ... einen Erkenntnisstandpunkt formulierte, der für die modernen Humanwissenschaften, wie zum Beispiel die Psychologie und Ethnologie, grundlegend geworden ist.

Quelle: WIkipedia

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Kommentare: 2
  • #1

    Ralf (Samstag, 03 November 2018 11:36)

    Lieber Thomas,
    Danke für diese guten Gedanken!
    Ja, eine Echtheit anzustreben, eine Ehrlichkeit sich und anderen gegenüber.
    Und immer wieder in Liebe sich öffnen für den Anderen, die Andere, soweit möglich.
    Dabei in guter Weise, ohne "Verkrampfung", seine eigenen Interessen wahrnehmen.
    Diese Balance scheint mir auch schwierig. Die Einen neigen wohl mehr dazu, den Blick für Wünsche andere zu haben und versuchen, diesen gerecht zu werden, verlieren dabei sich leicht aus dem Blick. Andere neigen wohl mehr dazu, das Eigene durchsetzen zu wollen, dabei treten die berechtigten Interessen der Menschen um sie herum zurück und werden nicht genügend beachtet.
    Steckt nicht hinter beiden Phänomenen letztlich Angst? Eine Angst, die man sich nicht eingesteht, manchmal kaum wahrnimmt?
    Aus Angst vor Liebesverlust oder vor Einbußen anderer Art tue ich mehr das, was andere von mir erwarten, als meiner eigenen Spur treu zu bleiben...
    Aus Angst unterzugehen, zu kurz zu kommen, kämpfe ich um die Durchsetzung meiner Wünsche ohne Rücksichtnahme, verbeiße mich im Konkurrenzkampf, von dem Du sprichst...
    Mir scheint das ein Schlüssel zu sein. Wieviele leben z.B. materiell absolut komfortabel und abgesichert und schaffen es nicht, großzügig zu sein.
    Das ist für mich auch eine spirituelle Frage: Gelassenheit und Mut, aus einem Vertrauen heraus auf eine Liebe, die uns umfängt (so meine Hoffnung. Wir wissen es ja nicht). Und da heraus kann ich authentisch anderen in Herzlichkeit, mit Liebe begegnen.
    Vielleicht nie ganz zu erreichen, aber der Kompass für mich...

    Soweit mal meine Gedanken dazu, zu denen Du mich heute angeregt hast. Danke!
    Ralf

  • #2

    Thomas (Samstag, 03 November 2018 14:34)

    Lieber Ralf,
    vielen Dank für deinen „Brückenschlag“. Angst vor Authentizität. Ein Interessanter Bezug. Angst davor sich zu zeigen in seiner ganzen Eigenart und Einzigartigkeit! Angst vor Kritik und Gesichtsverlust. Wie aber die Angst besiegen? Kann man nur authentisch sein, wenn man nichts mehr zu verlieren hat? Der Schlüssel liegt in der Souveränität, in der Eigenmächtigkeit und im Selbstvertrauen. Wer ehrlich, auch sich selbst und seinen Makeln gegenüber, nach außen tritt, der hat nichts zu verlieren, aber so viel zu gewinnen!