LEBEN WILL LEBEN

 

"Und meine Leichtigkeit, die vom Hunger herrührte und von Erschöpfung, verwandelte sich in eine erhabene, großartige Leichtigkeit, wie geschaffen für den Wind, der mich immer schneller die Straße hinunterblies. Wie ich begriff, dass das, was blau leuchtete am Ende der Cannebière, bereits das Meer war, der Alte Hafen, da spürte ich endlich wieder nach soviel Unsinn und Elend das einzige wirkliche Glück, das jedem Menschen in jeder Sekunde zugänglich ist: das Glück zu leben."

aus: Transit, Anna Seghers, 1942
 

Dem aufmerksamen Leser meines Blogs (Klopfklopf, trau dich mal mich mit einem Kommentar zu erfreuen!) mag schon vor längerer Zeit aufgefallen sein, dass ich meinem selbtgesteckten Anspruch, wöchentlich einen Beitrag zu schreiben aber auch so was von nicht gerecht geworden bin. Die Gründe dafür sind das Zusammentreffen ungünstiger Momente. Der Anfangsschwung war erlahmt, die gesundheitlichen Rückschläge nahmen zu (nicht zuletzt der im September erfolgte Achillessehnenriss), die geringe Resonanz tat das Übrige.

 

Du, imaginierter Leser, und ich, monologisierender Schreiber, wir müssen uns mal wieder austauschen. Ich mache mir nichts vor. Dass ich seit Oktober nichts mehr hochgeladen habe, scheint kaum jemandem aufgefallen zu sein. Diese Annahme, dass es mehr oder weniger egal ist, ob ich etwas schreibe oder nicht, macht mich aber auch freier, macht es mir leichter ehrlicher und authentischer zu schreiben. Und zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass viele meiner Beiträge zu optimistisch abgefasst waren, optimistischer als ich es oftmals in der Zeitspanne des Verfassens gewesen bin.

Das letzte Jahr hat mich kräftig durchgeschüttelt. Wahrscheinlich wollte ich mir mit meinem Blog auch selbst Mut machen und die Situationen auf diese Weise, des „Schönschreibens“, besser in den Griff bekommen. Neben all den behindernden Einschränkungen, denen ich eh schon unterworfen bin, haben sich 2018 zwei weitere Baustellen aufgetan, die mir, die eine mehr, die andere weniger, (noch) schwer zu schaffen machen. Zum eine habe ich Herzprobleme bekommen. Herzflattern (nicht zu verwechseln mit Herzflimmern). Manchmal schlägt mein Herz, mal für längere, mal für kürzere Zeit, von jetzt auf gleich, mit bin zu 160 bpm. Abhilfe konnte bisher nicht geschaffen werden. Symptombekämpfung erfolgt durch die Einnahme eines Blutverdünners.

Die zweite Baustelle trat erstmals über Ostern auf. Nebennierenrindeninsuffizienz (NNRI). Mein Organismus produziert kein körpereigenes Cortisol mehr. Resultat jahrelanger täglicher Cortisoneinnahme. Da immer genug „von außen“ kam, hat meine Hypophyse im letzten Jahr beschlossen, nicht mehr selbst aktiv zu werden, und den „Dienst“ eingestellt. Es gab seither mehrere Episoden der auch Addisonkrise genannten Störung des Hormonhaushalts. Zuletzt über die Weihnachtsfeiertage, die ich im Krankenhaus verbringen musste. Die Erkenntnis, wie fragil und komplex austariert der menschliche Organismus ist, zu erfahren, wie sehr ein auch nur minimales Abweichen von Elektrolytspiegeln (in meinem Fall von Natrium und Kalium) den ganzen Körperhaushalt durcheinanderwirbeln kann, hat mich noch ehrfürchtiger vor dem Wunder des Lebens werden lassen. Die Auswirkungen, die das komplette Abschalten der Produktion des körpereigenen Stresshormonns Cortisol verursachen, sind massiv. Diese Phasen – beginnend mit Bauchschmerzen und Empfindungsstörungen im Brustbereich, dann übergehend in leichte Übelkeit, begleitend von lähmender Apathie, sich steigernd zu permanenten Kotzattacken, die in den schlimmsten Phasen tagelang andauern können und einen an die Grenze des Erträglichen und quasi ins Delirium führen – haben mir aufgezeigt, wie fein abgestimmt die einzelnen Faktoren sind, die ein normales Leben ermöglichen, und wie leicht dieses beim Wegfall beziehungsweise der Redukton nur eines Botenstoffs aus der Bahn gehoben werden kann. Nach all den Strapazen bin ich im wahrsten Sinne über die Jahresschwelle gekrochen. Und gerade die Ereignisse im Dezember, nach insgesamt 103 Tagen der 365 des Jahres, die ich im Krankenhaus verbingen musste, haben mich soweit zu meinen Basics zurückgeführt, soweit an die Grenzen meiner Ressourcen gebracht, dass ich weniger denkendes Wesen als vielmehr fühlender Organismus war, in dem jedoch noch immer der Lebenswille flackerte. Die so gewachsene Ehrfurcht vor dem Prinzip Leben ist wohl das einzig Positive an Erkenntnissen, die mir 2018 geschenkt hat, und, genau genommen, ist dies ja nicht wenig.

Im Laufe der Jahre habe ich die Haltung eingenommen, in jedem Missgeschick oder Rückschlag einen positiven Hinweis für mein weiteres Leben herauszulesen. Warum ist mir dies passiert? Weshalb konnte es soweit kommen? Was kann die Lehre daraus für mich sein? So auch in diesem Fall, auch wenn es mir anfangs schwerfiel, in der stetigen Abwärtsentwicklung einen tieferen, im Sinne von erhellenderem Sinn zu sehen. Und ich muss auch zugeben, dass mich die letztjährigen Erfahrungen auch ängstlicher gemacht haben. Und auch ernüchterter. Insofern als mir bewusst wurde, wieviele verborgene Fallstricke im menschlichen Körper noch verborgen sein können, wieviele Krankheitssymptome wohl noch in einem (meinem) Körper schlummern mögen. Ohne es heraufbeschwört haben zu wollen, drängten sich mir in schlechten Phasen Gedanken auf, die nicht gut waren. Was wird noch alles auf mich negativ einwirken? Diabetes? Prostataleiden? Niereninsuffizienz, gar -versagen? Demenz? Man kann sich mit Gedanken dieser Art auch verrückt machen. Und wie seltsam es mir immer wieder vorkommt, welch ein ganz anderer, weil anders denkender Mensch ich bin bei relativer Beschwerdefreiheit. Dann kommt bei mir der Gedanke in den Vordergrund, gerade nach Durchleben von schlechten Phasen, welcher in der einleitend zititerten Passage aus Anna Seghers' Roman formuliert wurde.

Für die Ergründung des Zusammenhangs von Stimmungen und Gefühlslagen in Abhängigkeit von der jeweiligen Zusammensetzung der Biochemie des Körpers – also der Abhängigkeit der Gedanken von der Beschaffenheit eines funktionierenden Stoffwechsels – war das vergangene Jahr sehr lehrreich. (Was lässt mich eigentlich glauben, dass diese Phase vorüber sei, nur weil ein neues Jahr begonnen hat?). Und da ich ja schon seit langer Zeit das (mein) Leben als Laboratorium sehe, in dem es interessant ist, was passiert, wenn man mal dieses Schräubchen stärker anzieht oder jenes Rädchen weiterdreht, kann ich aus der Warte des interessierten Beobachters diesen von mir mit mir gemachten Erfahrungen Erkenntnisse ableiten, die mir helfen, mein Leben besser zu verstehen und bestenfalls auch besser zu lenken. Ich glaub(t)e mich in einem Stadium zu befinden, in dem nur noch experimentelle Medizin hilft, und das teils hilflose Agieren der Ärzteschaft bestärkte mich darin, noch stärker auf meine somatische Intelligenz zu vetrauen. Der beste Therapeut bin ich mir selbst. Das vergangene Jahr hat mich intensiv mit Meditation in Berührung gebracht. Dazu möchte ich demnächst separat etwas schreiben. Und über meine Familie, ohne die ich den ganzen Hustle grundsätzlich in Frage gestelllt hätte oder stellen würde. Wofür lohnt es sich eigentlich den ganzen Scheiß durchmachen zu sollen? Genau. Dafür!

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Kommentare: 4
  • #1

    Ursula Maria (Dienstag, 19 Februar 2019 12:25)

    Meditation kann so machtvoll sein und ist für mich weit effektiver als jegliche Medikamente. Allerdings fällt es mir extrem schwer, wenn ich Schmerzen habe zu meditieren. Wie schaffst du das?
    Meiner festen Überzeugung nach kann mir kein Arzt dieser Welt helfen, kein Medikament kann mir helfen, wenn ich nicht bereit bin mich selbst zu therapieren - letztendlich ist die Einzige die mir helfen kann, ich selbst. Insofern gebe ich dir vollkommen recht wenn du schreibst, du bist dein eigener Therapeut. ;-)

    Alles Liebe aus der Schweiz

    Ursula Maria

  • #2

    Thomas (Mittwoch, 20 Februar 2019 12:55)

    Liebe Ursula Maria,
    vielen Dank für deine Zeilen!
    Was das Meditieren betrifft, würde ich mich eher als Novizen bezeichnen. Aber die Erfolge, die ich damit erziele, wenn es darum geht meine Atmung zu entspannen, bestärken mich darin, mit der Vertiefung in dieses "Heilmittel" fortzufahren. Für mich ist das Meditieren gerade in Momenten hilfreich, wenn ich in schlechter Verfassung bin. Von Dispenza, den du ja sicherlich kennst, gbt es eine Meditation, wo der Geist aus dem Körper gezogen werden soll. Mir wäre es dienlicher, wenn der Körper aus dem Geist gezogen werden könnte. Dieses ständig vorhandene Körperbewusstsein im Negativen macht es tatsächlich schwer, den Geist frei zu bekommen. Aber wenn ich es dann schaffe durch Meditation den Körper mit dem Geist zu "versöhnen", ist das immer ein großer Gewinn für mein (Wohl)Befinden. Zu dem Komplex Körper-Geist habe ich ja bereits in einem meiner ersten Blogbeiträge geschrieben. Ein Lebensthema von mir!

    Ich wünsche dir viel Erfolg für deine zukünftigen Unternehmungen, und dies bei guter Gesundheit!

    LIeben Gruß
    Thomas

  • #3

    Hank 7 (Donnerstag, 21 Februar 2019 11:22)

    Lieber Thomas,
    das war wirklich eine richtig miese Zeit im vergangenen Jahr..... um so schöner, dass Du jetzt wieder die Sonne und die Lebendigkeit des Vorfrühlings genießen kannst. Ich bin auch immer wieder vom Leben selbst begeistert. Ist es nicht faszinierend, wie wir als Lebende das Wunder Leben überhaupt wahrnehmen können? Vielleicht ist dies das größte Geschenk, das wir als Menschen in uns tragen. Bald mehr dazu gerne Face-to-Face. Love Hank

  • #4

    Thomas (Donnerstag, 21 Februar 2019 21:33)

    Lieber Hank, ich danke dir sehr für deine Nachricht. Freue mich auf ein baldiges Wiedersehen!
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