SOLVEIGH

Meine Seele spürt,
daß wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf…

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.


aus: Dir zur Feier (1897/98), Rainer Maria Rilke (1875–1926) 

Gestern jährte sich der Todestag meiner Schwester zum 23. Mal. Da sie 15 Monate nach mir geboren wurde, wandle ich nun schon fast ein Vierteljahrhundert länger hier auf Erden, als es ihr beschieden war. Fast 25 Jahre, die ich länger das Leben im Diesseits erfahren durfte! Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Und gerade an solchen Erinnerungstagen wird mir nochmal eindringlich bewusst, wieviel weniger sie vom Leben hatte. Es war für mich nicht alles Gold in diesen Jahren, aber unterm Strich war es eine wunderbare Zeit, und das im wahrsten Sinne des Wortes.


Mein zweites Leben, der Tag, an dem ich aus der OP-Narkose erwachte, begann an einem 1. November, Allerheiligen. An diesem Tag gehe ich meistens auf Friedhöfen spazieren (hierbei entstand auch das abgebildete Foto, eine Allee im Sophien-Friedhof in Berlin-Mitte). Dieses Ritual mag manchem makaber erscheinen, aber das Entlanglaufen an Grabsteinen und Erspüren der Endlichkeit hat für mich etwas Tröstliches. Oft ertappe ich mich beim Abgleichen der Lebensdaten auf den Grabmalen dabei, dass ich mich glücklich schätze ein relativ hohes Alter erreicht zu haben. Wieviele es doch nicht geschafft haben 55 Jahre alt zu werden. Und gerade auch im Betroffenenkreis, also bei denjenigen, die sich mit der gleichen Krankheit herumschlagen wie ich, habe ich im Laufe der Jahre viele Todesfälle erleben müssen.


Besonders schmerzlich in Erinnerung ist mir der Tod einer Bekannten, Solveigh, mit der ich ein Buchprojekt geplant hatte, das dann aufgrund ihres für mich doch sehr überraschenden Todes nicht realisiert werden konnte. Sie noch in guter Verfassung wähnend, erhielt ich von ihren Verwandten unvermittelt die Todesnachricht, in der auch oben zitiertes Gedicht von Rainer Maria Rilke enthalten war.


Wer Solveigh kennenlernen durfte, konnte sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass sie sich der Krankheit geschlagen geben würde. Mit ihren zum Todeszeitpunkt 45 Jahren war sie noch so voller Leben, sprühte vor Aktivität und Ideen für die Zukunft. In ihrem Innersten war sie noch immer ein Kind im positivsten Sinne. Neugierig, aufgeschlossen, inspirierend. Nie ließ sie sich anmerken, mir gegenüber jedenfalls nicht, wie schlecht es ihr zum Ende hin doch schon ging. Sie war wirklich ein Ausnahmemensch, der mit seiner Zugewandtheit und Menschenliebe ansteckend wirkte.


Im Folgenden möchte ich den Ausschnitt eines Sprachmitschnitts wiedergeben, den wir in Vorbereitung auf unser Buchprojekt aufgenommen haben (gedacht war an ein Interviewbuch, in dem wir uns über unsere jeweilige Sicht auf das Leben, die Bewältigung der Krankheit und die Kraft der Zuversicht austauschen wollten):

Solveigh:
A. ist eine ganz hübsche, so eine Blondine mit einem unglaublichen Dekolleté. Ich war mir ganz sicher, dass sie ihren nächsten Partner, der dann auch verwitwet ist wie sie, auf dem Friedhof kennenlernen wird, aber es war dann doch anders.

Thomas:
Sehr seltsam. Das kann ich ja noch verstehen bei einer Witwe in hohem Alter, dass sie sich jeden Tag ans Grab ihres verstorbenen Mannes setzt. Aber bei jemandem der mitten im Leben steht und noch Perspektiven hat, finde ich das schwer nachvollziehbar.

Solveigh:

Ja, doch, die macht das. Jeden Tag, auch während ihrer Klinikaufenthalte. Das ist ein festes Ritual.

Thomas:
Du meintest gerade Klinikaufenthalte. Ist sie selbst auch betroffen?

Solveigh:

Ja, sie hat auch Muko.

Thomas:
Na, dann hat das nochmal eine andere Dimension. Wenn man da sein eigenes Schicksal sozusagen vor Augen hat. Das habe ich ja bei meiner Schwester auch so erlebt.

Solveigh:

Genau, deine Schwester hast du ja während ihres Sterbens begleitet.

Thomas (ausweichend):
Also, ich selbst wollte ja früher immer, dass man mich nach meinem Tod beerdigt, so richtig mit Grabstätte.

Solveigh:

Aber so die ganze Erde über dir drüber. Die Vorstellung ist nicht schlimm für dich?

Thomas:
Das bin ja dann nicht mehr ich. Danach ist Schluss. Ich habe keine Vorstellung vom Jenseits. Mittlerweile ist es mir relativ egal, was mit meinem Körper danach passiert. Früher hatte ich die Vorstellung, wahrscheilich auch, weil ich Vater bin, dass es da so einen Ort geben sollte fürs Kind, so einen Fokus, auf den es dann seine Gedanken, sein Andenken, seine Ansprache lenken kann. Das konnte ich mir besser vorstellen, als dass meine Asche dann irgendwo zerstoben im Nirgendwo ist. Außerdem hatte ich Probleme bei der Vorstellung verbrannt zu werden. Ganz anders als die Vorstellung begraben zu sein. Das machte mir nichts aus.

Solveigh:

Kennst du Ludwig Hirsch, den österreichischen Liedermacher? Von dem gibt‘s so ein Lied, da singt er davon, wie er unter der Erde begraben liegt, in der ersten Nacht, er ist grad frisch begraben worden, also tot. Wie‘s ihm so kalt ist und alles so schrecklich ist. Und wie er sich herbeisehnt, dass seine Liebste oben über seinem Grab steht und heiße, saftige Tränen auf sein Grab vergießt. Die Würmer krallen dir ins Hirn und du bist am Frier‘n. So stell‘ ich mir das auch vor. Ganz grauslig.

Thomas (lacht)

Solveigh:

Ich möcht‘ auf jeden Fall verbrannt werden. Ich hab‘ das Gefühl, ich hab‘ immer so die Theorie gehabt, alle Mukos müssten das so wollen. Das Atmen, das so schwer fällt, dieses Beschwertsein – und das Verbranntwerden (immitiert Lufthauch) ganz frei, ganz, ganz schwerelos. Ich bin Luft.

Thomas:
Mir ist das gleichgültig. Danach ist ja nichts mehr. Nach dem Tod ist dann Ende.

Solveigh:

Echt?

Thomas:
Ja. Sag‘ bloß, du glaubst, dass danach noch was kommt? Aber doch wohl nicht im christlichen Sinne, dass es sowas wie das Jüngste Gericht gibt, dass dann die Verstorbenen aus ihren Gräbern steigen und dann von Engeln umkreist vor dem Herrn stehen.

Solveigh:

Ich glaube nicht, dass da irgendjemand zu Gericht sitzt. Das glaub ich nicht. Aber ich glaube schon an so einen Kontakt zu Menschen, die ich geliebt habe. Ich glaub‘ jetzt nicht, dass die da sitzen, schön und unversehrt. Sondern, dass es irgendeine Form der Energie und der Telepathie gibt. Ich hab‘ schon das Gefühl, dass es etwas Großes gibt, in das ich eingehe.

Thomas:
Aber bist das dann du? Also rein verstandesmäßig: Ist das dann ein Gefühl, dass deine Seele, ein Gefühlswesen, in etwas Größerem aufgeht, aber du dich dann noch differenziert als Individuum fühlen kannst? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Solveigh:

Ich hab‘ da so eine infantile Vorstellungskraft. Ich glaube ganz oft, dass ich Kind geblieben bin in manchen Dingen, ja! Ich weiss noch, früher als Kind, da hab‘ ich mir vorzustellen versucht, wie das ist, dass dieser Tisch nicht spürt, dass ich ihn anfasse. Das war für mich nicht vorstellbar. Es kann doch nicht sein, dass er nicht spürt, dass ich ihn berühre. Alles musste beseelt sein. Und dann hab' ich abends, wenn ich ins Bett bin, alles in meinem Zimmer zugedeckt, damit die Dinge nicht frieren. Und so ist es auch da. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mein Bewusstsein dann nicht mehr da sein soll.

 

 

PS:

A., die junge Witwe, die ihren Mann an die Krankheit Mukoviszidose verloren hat, und über die ich mich zu Beginn des Dialogs mit Solveigh unterhalten haben, ist letztes Jahr verstorben. Sie wurde auch nur 45 Jahre alt.

 

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