WOZU MEDITIEREN?

Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß,
einfach die Tiere anschaun, daß ein Etwas
von ihrer Wendung mir in die Gelenke
herübergleitet; will ein kurzes Dasein
in ihren Augen haben, die mich halten
und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil.
Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen
hersagen lassen, daß ich in den Scherben
der schönen Eigennamen einen Rest
herüberbringe von den hundert Düften.
Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin
das Land noch einmal ist, bis an den Himmel.


Auszug aus: Requiem – Für eine Freundin, Rainer Maria Rilke (1875–1926)
Geschrieben Okt./Nov. 1908 in Paris

Vor Jahren schon schenkte mir ein damaliger Freund das Buch Der Heiler in dir von Jose Silva, einen Klassiker der Bewusstseinstechnik. Ich las das Buch und wendete die darin enthaltenen Übungen an, jedoch ohne großes Engagement. Es war der erste Versuch mit Hilfe der Gedankenkraft positiv auf meine Gesundheit einzuwirken bzw. die Krankheitssymptome zu lindern, und sozusagen mein Erstkontakt mit mentalen Heilmethoden. Bewirkt hat es jedoch nichts, wohl auch weil ich nur halbherzig ans Werk ging und nicht so recht an die dahinter stehende Theorie glaubte. Wahrscheinlich konnte ich mich von meinem vom Elternhaus konditionierten mechanistischen Denken (noch) nicht lösen, welches dem naturwissenschaftlich fundierten Faktenwissen den Vorzug gab vor geisteswissenschaftlichen Belangen. Oder aber es ging mir damals noch nicht schlecht genug. Was hier so flapsig klingt, hat seinen tieferen Sinn, der auch die Frage „Wozu meditieren?“ umfasst. Hätte ich zur Meditation gefunden, wenn ich kerngesund wäre? Wann betet ein Mensch zu Gott? Doch primär dann, wenn er in Not ist oder seelischen Beistands bedarf. Im Gebet spreche ich zu Gott, in der Meditation spricht Gott zu mir.

Das erste spirituelle Buch, dass ich komplett von vorn bis hinten gelesen habe, wurde mir von meiner Frau "rübergeschoben". Ohne ihren Einfluss und ihre Einflüsterungen hätte ich wahrscheinlich bis heute nicht zum Meditieren gefunden. Das Buch war Jetzt von Eckhart Tolle. Seine Aussagen zum Thema Schmerzkörper haben mich nachhaltig beeindruckt. Und auch seine titelgebenden Ausführungen zum Jetzt waren/sind sehr bemerkenswert.

Ein weiterer inspirierender Autor für mich war Joe Dispenza, ein Neurobiologe, dessen wissenschaftlicher Ansatz mein Interesse an seiner Meditations“technik“ weckte. Die zugrundeliegende Idee ist, dass man sich gedanklich in eine zukünftige Person versetzt und versucht, diese neue Person bereits im Jetzt emotional zu empfinden. Dem Gehirn ist es gleich, ob man die Erfahrung realiter macht oder nur gedanklich durchspielt. Neurophysiologisch führt das Meditieren zu einer Änderung der neuronalen Verbindungen. Alte Denk- und Gewohnheitsmuster werden aufgegeben, neue aufgebaut. Auch die unterschiedlichen Hirnfrequenzen spielen eine Rolle. Jeder Mensch verändert im Laufe eines Tages mehrmals seine Hirnstromfrequenz, auch wenn er nicht meditiert. Die im normalen Alltagsmodus aktiven Betawellen wandeln sich dann in Alphawellen (dem „Tor zur Meditation“) und bestenfalls in Thetawellen (Gipfelerfahrung, Bereich der Kreativität und Spritualität). In diesem Zustand sollen zeit- und raumlose Zustände erfahrbar sein. Und wer strebt das nicht an, eine Auszeit von der Realität – und gar von sich selbst!? Im Unterschied zum Tiefschlaf bleiben einem aber die Hirnaktivitäten bewusst. Wir wissen vieles über die (Außen)Welt, und doch so wenig über unser Innerstes. Durch Meditation gelingt es mir bisweilen, wenigstens eine Fuß in den Türspalt zu meinem Unterbewusstsein zu stellen und einen schmalen Blick auf mein Innerstes zu erhaschen. Mein Ziel ist es, diesen Spalt zu weiten und auf das Ganze zu sehen. Und mag mir auch nicht alles gefallen, was ich da zu sehen bekomme – ich werde es annehmen, denn es ist mein wahres Selbst.

Was nun ist Meditieren eigentlich? Befrage drei Menschen, was sie unter Meditation verstehen, und du bekommst vier verschiedene Antworten. Meditation wird bei Wikipedia ganz nüchtern definiert als spirituelle Praxis zur Beruhigung des Geistes durch spezielle Übungen. Und genau hier, bei den speziellen Übungen, stellt sich die Frage, was Meditation bewirken soll. Zunächst muss für den an Meditation Interessierten ja erstmal klar sein, worauf sein Augenmerk liegt. Ist es mehr das Bedürfnis nach innerer Ruhe, nach Stressabbau, nach einem Abklingbecken für die überhitzten Brennstäbe sozusagen, nach mehr Gelassenheit, nach erhöhtem Bewusstsein und gesteigerter Konzentration, nach Schmerzlinderung? Für mich liegt der Fokus darauf, mich mental zu stärken und das Gefühl des physischen Mangels (an Kraft, an Energie) auszugleichen. Und um dies zu Erreichen ist ein meditativer Zugang zu seinen innersten Ressourcen der Königsweg, der Weg zu Ruhe und Gelassenheit, zu einem Verweilen im Jetzt. Nun meinen manche, die sich der Meditation zuwenden, anfänglich, es käme dabei darauf an, sich dahin zu bringen, nicht(s) mehr zu denken. Das ist jedoch weit gefehlt. Sehr schön hat das m. E. Bernd Kolb zum Ausdruck gebracht:

"Es liegt dem, was es mit Meditieren auf sich hat, ein großes Missverständnis zugrunde. Nämlich, dass du meditierst, um deine Gedanken abzuschalten. Das ist genau schon mal nicht Meditieren. Wir brauchen weder Gedanken abschalten, noch können wir das. Wir können uns lediglich lösen von unseren Gedanken. Wir können zulassen, dass wir auch denkende Wesen sind. Wir können zulassen, dass irgendetwas in uns denkt. Wir können zulassen , dass diese Gedanken Tag und Nacht wie in einem schlechten Karaussel auch wieder kommen und uns immer wieder begegnen. Aber – wir sind nicht die Gedanken! Diese Erkenntnis ist das Ziel von Meditieren." (Bernd Kolb im Interview mit Helge Grotelüschen)

Sich lösen von seinen Gedanken, sich beim Denken beobachten. Abstand nehmen von den Anhaftungen des Ego an die materielle Welt. Wenn man das schafft, dann wird man ganz ruhig und eine wohltuende Gelassenheit stellt sich ein. Die meisten Meditationsübungen, die ich kenne, beginnen mit der Aufforderung eine aufrechte Sitzhaltung einzunehmen und seine Konzentration auf den eigenen Atem zu lenken. Alleine dieser Aufforderung nachzukommen, ist für jemanden, dessen Muskelgerüst schwach und die Atmung noch schwächer ist, eine willkommene Einladung. Danach folgt meist ein Bodyscan, der dich zu unmittelbarem, bewussten Kontakt mit deinem Körper führt. Gewahrsein, Achtsamkeit, Besonnenheit (welch‘ schönes Wort!).

 

Das Leben ist in jedem Moment bei seinem Sinn und seinem Ziel, denn es will nur sich selbst. Eben die Erkentnis Leben will leben! Wir Menschen aber setzen uns immer wieder Ziele, von deren Erreichen wir uns die Erfüllung unserer Wünsche erhoffen, um dann nur festzustellen, dass sich, am Ziel angekommen, nicht die erhoffte Zufriedenheit einstellt, sondern neue Wünsche entstehen. Das Verlangen, der Urtrieb des Menschen, das Bedürfnis nach Mehr, kann so zum Fluch werden, vor allem dann, wenn es sich in seiner übersteigerten Form, der unstillbaren Gier äußert. Weil wir daran gewöhnt sind, die Ziele als Ruhepunkte zu betrachten (und nicht das Werden an sich schätzen), empfinden wir Enttäuschung, wenn sich die Ruhe nicht einstellt bzw. sie sich nach kurzer Zeit wieder verflüchtigt. Durch regelmäßige Meditation kann dieser Zustand des Ruhigseins aber immer wieder erreicht werden.

Nun möchte ich jedoch nicht falsch verstanden werden. Es geht beim Meditieren nicht darum, sich ständig wegzubeamen und einzulullen. Meditieren sollte auch im alltägliche Tun „abrufbar“ sein, d. h. man sollte sich immer wieder seiner inneren Mitte bewusst werden und zu seinem Ruhepol zurückkehren können. Und das auch zwischen und bestenfalls während profaner Tätigkeiten. Und dann, nachdem man dort, im festen Kern seiner Selbst, Kraft geschöpft und Energie getankt hat, wieder hinaustreten in die Alltagswelt und sein Leben im Zusammentun mit seinen Mitmenschen meistern. Denn was kann es Wertvolleres geben, als einen ausgeglichenen, selbstbewussten, liebenswerten und liebenden Zeitgenossen.

Nach Schopenhauer wird durch die reinen Anschauung der Welt und der Dinge ein Überschreiten der leidvollen und beschränkten Individualität und ihrer begrenzten Erkenntnismöglichkeit hin zu interesseloser Betrachtung möglich, ein für mich prägender Begriff. Der Mensch tritt ein in einen Zustand reiner Kontemplation, wird ein "klares und ewiges Weltauge“. Gelassenheit aus Bedürfnislosigkeit stellt sich ein, ein innerer Friede, in dem das Wollen gänzlich verschwunden ist, "eine Meeresstille des Gemüts“. Die Herstellung einer Distanz zu allen einen umgebenden und z. T. auch bedrängenden Einwirkungen schafft tatsächlich eine innere Freiheit, die einem die Möglichkeit des „Aufatmens“ gibt.

Als Einleitung für diesen Beitrag habe ich, obwohl es bei dem Thema naheliegend gewesen wäre, keine Weisheit Buddhas, keinen Spruch Oshos und keine Sentenz von Jack Kornfield gewählt. Ich entschied mich für einen Ausschnitt aus Rilkes Requiem, auch weil er dieses interesselose Betrachten so poetisch veranschaulicht. Gerade der Anfang „Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß …" verdeutlicht, dass höher noch als das Wissen das Fühlen zu bewerten ist. Diese Zeilen erzeugen (in mir) eine vollkommen befriedigende Gelassenheit; diese meditative Passivität – „einfach die Tiere anschaun“, „von den Gärtnern viele Blumen hersagen lassen“. Diese Zeilen machen mich ganz ruhig und relativieren die vermeintlichen Wichtigkeiten des Alltags. Die Dinge gelten lassen, so wie sie sind bzw. sein sollten (da man ja nicht wirklich wissen kann, wie sie sind – Idealismus!), ohne Beurteilung, ohne Einflußnahme auf die Abläufe der Welt.

In einem Straßencafé sitzen und dem Spatzen beim Aufpicken der Kuchenkrümel zusehen;
an einer Wiese stehen und der Kuh beim Grasen zusehen;
an einem Teich stehen und dem Fisch beim Durchswassergleiten zusehen –
Zusehen und Spatz sein.
Zusehen und Kuh sein.
Zusehen und Fisch sein.
… und spüren: Einssein mit allem. Alles ist eins.

 

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