BLUT WILL FLIESSEN

 

 

 

Clay lies still, but blood's a rover;
Breath's a ware that will not keep.
Up, lad: when the journey's over
There'll be time enough to sleep.
aus: Reveillé (1896) von Alfred Edward Housman (1859–1936)

Vor einiger Zeit schon las ich das Buch Blut will fließen, den abschließenden Roman der Underground-Trilogie von James Ellroy über das Amerika der 60er Jahre. Der Originaltitel des Romans stammt aus der oben zitierten Gedichtstrophe von A. E. Housman, einem der angesehensten Gelehrten seiner Zeit, hierzulande jedoch weitgehend unbekannt.

Blood‘s a rover, Blut ist ein Streuner. Das hat mich total angesprochen, wirkt so prall und plastisch. Und dann die Zeile Breath‘s a ware that not will keep. Klar, dass ich darauf ansprang. Geht ja schließlich um Atmen, mein Ding bzw. Unding. Wie will man das übersetzen? Atem ist eine Ware, die nicht überdauert?

Ich hab‘s mal so probiert:
Die Erd' liegt ruhig, doch Blut will handeln,
Dein Atem wird in nichts sich wandeln.
Auf Jung', 's gibt genug zu tun,
Im Grab 's dann Zeit sich auszuruh'n.

 

Oder so?

Die Scholle ruht, doch Blut will fließen,

Der Atem ist ein flüchtig' Gut.

Junge, lass' die Kräfte sprießen,

Im Grab wird sich dann ausgeruht.

Hast du eine bessere Idee? Würde mich über deinen Vorschlag sehr freuen!
(Das komplette Gedicht am Ende diese Textes).

Zwei Aspekt lese ich aus den Zeilen von Housman heraus. Die Virilität junger Männer, das Drängende, Ungeduldige, das vom Dichter auch noch angefeuert wird. Und das Wissen um die Endlichkeit, die es ja letztendlich ist, was keinen Aufschub beim Erledigen und Erleben der Dinge, die das Leben ausmachen, duldet. Welche Dinge aber machen das Leben aus? Was ist (einem) wichtig? Um diese Frage zu beantworten, könnte man nun eine sog. Löffelliste aufstellen. Stell dir vor, du liegst auf deinem Sterbebett und lamentierst über all die Dinge, die du nicht erlebt/erledigt hast. Also verliere keine Zeit und mach‘ dir gleich jetzt eine Liste, die das volle Programm der noch unerledigten Dinge enthält, die du dann sukzessive abarbeiten kannst. Der Film „Das beste kommt zum Schluss“ ist genau um diese Situation herum aufgebaut und sehr witzig erzählt (und deshalb und auch wegen der Hauptdarsteller Jack Nicholson und Morgan Freeman sehr sehenswert).

(Nebenbei: zum lockeren Umgang mit dem Thema Tod fällt mir eine Passage aus dem Film Patch Adams mit Robin Williams in der Hauptrolle ein. Darin kommt er als Krankenhausclown zu einem moribunden Patienten und beide zählen dann, mit steigender Belustigung, wechselweise Umschreibungen für sterben auf – z. B. eben den Löffel abgeben. Oder: Ins Gras beißen. Seinen Rücktritt erklären. Die Radieschen von unten ansehen. Abkratzen. Abnippeln. Auschecken. Den Bettel hinschmeißen. Sich aus dem Staub/vom Acker machen. Die Fliege machen. Dem lieben Gott Hallo sagen. Gevatter Hein ein Stelldichein geben. Den Arsch zukneifen. Den Deckel drauf machen.
Kennst du andere Umschreibungen? Dann her damit!)

Das mit der Liste ist wohl eher ein Ding für ältere Kaliber. Man muss wohl erst in das Alter kommen, in dem man sich mal ernsthafter mit einem möglichen Ende alles Irdischen beschäftigt. Vorher kann man das mit der Löffelliste bleiben lassen und muss sich nicht mit den letzten Dingen beschäftigen, sondern einfach drauflos leben. Gerade in jungen Jahren wäre so eine Liste ja widersinnig. Man hat ja noch Zeit und es ist davon auszugehen, alles Erstrebenswerte noch umsetzen zu können. Vorausgesetzt man hat die Physis dafür. Seine Kräfte messen, seinen Körper so einsetzen wie es einem gefällt. Sich erfreuen an den Kunststücken, die ein durchtrainierter Körper fähig ist zu vollführen. Ich liebe es, den menschlichen Körper in Aktion zu sehen. Das ist auch der Grund, weshalb ich so gerne Sportveranstaltungen ansehe. Leichtathletik, Turnen, Fußball. Überhaupt nicht interessant finde ich z. B. Formel 1. Hier tritt der Mensch nicht in Erscheinung, und wenn, dann nur mittelbar, als Lenker der Boliden. Nein, der pure Mensch bei sportlicher Betätigung, fähig zu Höchstleistungen, verschwenderisch im Umgang mit seinen Resourcen. Gerade in jungen Jahren auch mit der für diese Lebensphase typischen Eigenschaft mangelnden Konsequenzdenkens. Herrlich unbedarft die Aufgaben oder Vorhaben angehen, die sich einem stellen bzw. bieten.

 

Leider ist dies mangelnde Konsequenzdenken bei manchem der Grund dafür es zu übertreiben. Dann wird dem  Körper auf Dauer mehr abverlangt, als dieser imstande ist zu erbringen. Wenn der sportliche Ehrgeiz soweit geht, dass er nur noch Selbstzweck ist und die Leistungssteigerung letztlich nur mehr mit Selbstüberlistung, sprich Doping zu erreichen ist, dann ist das unverantwortlich. Oder wenn man seinen Sport so intensiv betreibt, dass man dann in späteren Jahren zum Sportinvaliden wird. Allzu viel ist ungesund. Im Umkehrfall aber ebenso: Zu wenig ist ebenfalls ungesund. So viele Menschen, die ihren Körper, dies wertvolle Gefäß, nicht achten, durch ungesunde Lebensführung malträtieren  und vor der Zeit verschleißen.

Die Balance zu finden, eine gesunde Mitte, ist eigentlich ganz einfach. Gut ist es, wenn es sich stimmig anfühlt, wenn die Homöostase im Einklang ist. Ein körperbewusster Geist spürt das. Nur scheint es immer weniger davon zu geben. Entweder der Geist ist von falschen Vorbildern umnebelt, die einem auftragen, die Selbstoptimierung auf die Spitze zu treiben. Oder man ist körperlich schon so sehr abgewrackt, dass der innere Schweinehund ein unbezwingbares Monster geworden ist.

Nun mag man einwenden, dass ich hier leicht reden habe. In meiner Situation ist sportliche Betätigung nur sehr eingeschränkt möglich. Die Grenzen der Belastung sind mir sehr eng gesteckt. Also komme ich gar nicht in die „Gefahr“ meinen Körper zu überfordern. Aber aus den guten Zeiten nach der OP weiß ich sehr wohl, wie beglückend körperliches Ausagieren sein kann. Erinnerlich ist mir eine ausgiebige Radtour durch den Berliner Wedding, wo mich auf dem Rückweg nach Schöneberg in der Brunnenstraße ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte. Nur einen kurzen Moment hielt diese Hochgefühl an – Glück ist eben eine scheues, flüchtiges Gut (wie der Atem), aber mit nachhaltiger Wirkung. Noch heute, fast 15 Jahre später, erfreut mich die Erinnerung daran.

Würde ich eine Löffelliste führen – das Alter dafür habe ich ja –, dann stünde also darauf: Tue genug, damit dein Körper möglichst lange fit bleibt. Aber was ist genug? Wo fängt es an, dass Ertüchtigung in Zwang umschlägt? Für mich ist jede Form der Ertüchtigung – welch' seltsames Wort, fällt mir gerade auf, klingt irgendwie nach Nazi-Jargon. Leibesertüchtigung ist ja so ein altes Wort zur Umschreibung von Sport treiben – also, für mich ist jede Form des Sporttreibens mit einem gewissen Zwang verbunden, dem Zwang, mich zu motivieren, in die Gänge zu kommen.

 

Am besten wär’s die Liste Liste sein zu lassen und einfach drauflos zu leben wie ein junger Kerl in unbedarfter Inkonsequenz! Aber diese Zeiten sind wohl definitiv vorbei, die Unschuld ist verloren. Leider :-(

 

*Robin Williams selbst starb im August 2014 durch Suizid. Nach der Obduktion wurde festgestellt, dass er unter einer Sekundärerkrankung von Parkinson, der sog. Lewy-Körper-Demenz litt, einer tödlichen neurodegenerativen Krankheit.

29. Reveillé
 
WAKE: the silver dusk returning
Up the beach of darkness brims,
And the ship of sunrise burning
Strands upon the eastern rims.
 
Wake: the vaulted shadow shatters,
Trampled to the floor it spanned,
And the tent of night in tatters
Straws the sky-pavilioned land.

Up, lad, up, 'tis late for lying:
Hear the drums of morning play;
Hark, the empty highways crying
"Who'll beyond the hills away?"
 
Towns and countries woo together,

Forelands beacon, belfries call;
Never lad that trod on leather
Lived to feast his heart with all.

Up, lad: thews that lie and cumber
Sunlit pallets never thrive;

Morns abed and daylight slumber
Were not meant for man alive.

Clay lies still, but blood's a rover;
Breath's a ware that will not keep.
Up, lad: when the journey's over
There'll be time enough to sleep.


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