"SCHREIB DOCH MAL'N BUCH!"

 

 

 

"Ein Schriftsteller, der hin und wieder Genie hat (ich ergänze: der die Askese der Arbeit praktiziert), damit er die restliche Zeit das angenehme Leben eines mondänen und literarisch gebildeten Dilettanten führen kann, ist eine eben so falsche und naive Vorstellung wie die von einem Heiligen, der sich eines höchst moralischen Lebens befleißigt, um im Paradies vulgären Vergnügungen frönen zu können."
zit. nach Marcel Proust (1871-1922)

"Schreib doch mal'n Buch!"


Mit diesen Worten lag mir meine Frau schon vor längerer Zeit immer mal wieder in den Ohren. Ich hätte doch schon soviel erlebt, erlitten, durchgestanden, dass es ja wohl naheliegend sei, dies alles mal aufzuschreiben, damit auch andere, die sich in ähnlicher Situation befinden, davon profitieren können. Und meine Frau wusste, wovon sie sprach, denn anders als Penelope ihren Mann, hat sie mich während der letzten 25 Jahre meiner andauernden Odyssee – durch Krankenhäuser und Krankheitsstadien – tapfer und unerschütterlich begleitet.

 Sicher, es gab meinerseits immer wieder Ansätze, das von mir Erlebte, und davon vor allem das, was mit meiner Erkrankung zu tun hat, niederzuschreiben. Was nicht bedeuten soll, dass ich ansonsten nichts anderes erlebt hätte. Aber Reiseberichte zu verfassen oder Alltagsgeschichten auszubreiten, danach stand mir nie der Sinn. Und weshalb überhaupt schreiben? Es zeuge von einem zweifelhaften Charakter, wenn man es nötig zu haben meint, schreiben zu müssen, so ein Bonmot, das von einem französischen Adeligen stammen könnte (was aber nur ein von mir vermutetes Klischee ist). Das Zweifelhafte am Aufschreiben einer Geschichte, zumal, wenn man sich selbst in den Mittelpunkt stellt, ist wohl, dass man voraussetzt, alle Welt hätte das Erzählte zu interessieren. Gedankeninkontinenz. Tatsächlich war genau diese Sichtweise ein Hemmnis für mich, mit einer, meiner Geschichte nach außen zu treten. Hinzu kam, dass ich mich scheute, Einblicke in meine Gedanken- und Gefühlswelt zu geben. Ich hatte es bisher nicht darauf angelegt „sichtbar“ zu sein und so verweigerte ich mich also der Aufgabe, das Vorhaben der Selbstverlautbarung ernsthaft anzugehen. Dahinter steckte aber auch das Fehlen der Vorstellungskraft, in welche Handlung ich die von mir beabsichtigte Vermittlung meiner Erfahrungen kleiden könnte.

Dennoch kokettierte ich immer wieder mit dem Gedanken, doch mal alles, was mir wichitg erschien, „rauszuslassen“, und mir auch zu beweisen, dass ich dies in lesenswerter Form bewerkstelligt bekomme. Zunächst blieb es jedoch bei unregelmäßigen Aufzeichnungen während diverser Krankenhausaufenthalte, vor allem während der Phase meiner rasant verlaufenden Abstoßungsreaktion 2006/2007. Dieses von mir so genannte Krankenhäuser Tagebuch konnte und sollte aber nicht als Grundlage einer Erzählung dienen. Nie wollte ich dem großen Reigen an Büchern in Betroffenheitsprosa ein weiteres hinufügen, kein Lamento, in dem ein Ich-Erzähler sein schweres Los bejammert. Vergleichbare Bücher (über Leben mit Krankheit, Krankengeschichten, Bewältigung von krankheitsbedingten Krisen) sind meist in sehr persönlichem Ton verfasst, ich wollte aber aus der distanzierten Er-Perspektive erzählen. Ein nüchterner, sachlicher Erzählton erschien mir angemessener für die Vermittlung meiner Geschichte.



Als ich viele Jahre später – das Verfertigen von Tagebucheinträgen war zu diesem Zeitpunkt bereits komplett zum Erliegen gekommen – die Gelegenheit bekam, bei einer vom Mukoviszidose e. V. ausgelobten Klimareise auf die Kanaren mit von der Partie zu sein, nahm ich dies gerne in Anspruch. Zusammen mit meiner Frau konnten wir so vier Wochen auf Gran Canaria verbringen. Und hierbei ergab sich für mich nun die Möglichkeit, meine Gedanken und Erlebnisse zum Thema Leben mit chronischer Erkrankung in einen konkreten äußeren Handlingsrahmen einzupassen. Zunächst ergaben meine schriftstellerischen Versuche nur Fragmente zu von mir oder anderen Teilnehmern während der Reise Erlebtem, nach und nach fügte sich aber eins zum anderen und es kristallisierte sich eine für mich tragfähige Geschichte heraus. Kernthema wurde die Gegenüberstellungen zweier Alter Egos von mir, die mich als Mittzwanziger mit meinem damaligen Weltbild (Carl) und als Mittfuffzger mit meiner heutigen Lebenseinstellung (Eric) repräsentieren und die in Widerstreit miteinander geraten sollten. Die Erzählung wurde damit zwar nicht autobiografisch, aber autofiktional. D. h. nicht alle von Carl und Eric erlebte Geschichten sind mir tatsächlich so widerfahren, aber einiges davon ist ziemlich nahe an der Realität. Dass ich auch in den Biografien anderer Reiseteilnehmer stöberte und mir das eine oder andere von diesen Erlebte zunutze machte, mag man mir nachsehen. Ich war stets darauf bedacht, es so darzustellen, dass eine direkte Zuschreibung nicht möglich ist. So sind alle Eigennamen und Herkunftsorte in meinem Buch frei erfunden. Auch die den Teilnehmern zugeschriebenen Krankheitsaspekte sind entweder meine eigenen oder sie sind zufällig zugeordnet.



 

Das Schreiben der 200 Seiten war für mich ein spannender, fordernder Prozess. Er hat mir geholfen, einige mich schon längere Zeit beschäftigende Themen zu ordnen und zu vertiefen. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, aber das Buch sollte, musste irgendwann mal fertig werden. Hier erging es mir wie einem Maler. Wann ist die rechte Zeit für einen letzten Pinselstrich am Gemälde?



Das Buch, das nun vorliegt, ist das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit, wobei ich einige Monate der Krise gar keine Energie für die Fortführung meines Buchprojekts aufbringen konnte, und es für mich schon als abgeschlossenes Halbgares in der Schublade beerdigt war. Dass es nun doch von mir fertiggestellt wurde, erklärt zum Teil auch, weshalb ich meine Blogeinträge im letzten halben Jahr vernachlässigt habe. Und dass das Buchprojekt überhaupt wieder aus der Schublade genommen wurde, verdanke ich dem guten, anspornenden Zureden meiner Frau, das einmal Begonnene doch zu einem Abschluss zu bringen. Und so habe ich das Buch auch meiner Frau gewidmet, die nicht aufgab und nicht aufgeben wird, ich kenne sie gut, mich anzutreiben, und die mir Aspekte der Welt, v. a. der inneren, gefühligen, aufzeigt, in die ich ohne sie nicht vorgedrungen wäre, die mich gleichzeitig aber auch in der äußeren Welt hält und mich tagtäglich darin bestärkt nicht aufzugeben. Dafür mein Dank von Herzen!

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0