CORONANOMALIE

"Die Seuche gewann um so größere Kraft, da sie durch den Verkehr von den Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden. Ja, so weit erstreckte sich dies Übel, daß nicht allein der Umgang die Gesunden ansteckte und den Keim des gemeinsamen Todes in sie legte; schon die Berührung der Kleider oder anderer Dinge, die ein Kranker gebraucht oder angefaßt hatte, schien die Krankheit dem Berührenden mitzuteilen."

Das Dekameron – Erster Tag – Einleitung, Giovanni Boccaccio (1313–1375)

Spätestens jetzt, in dieser globalen Krise, sollte einem jeden klar sein, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Menschheit hat ein Problem. Und dieses Problem hat sie selbst verschuldet. Die Natur, deren Sproß selbstverständlich auch der Mensch ist, zeigt diesem, ihrem unartigen Kind, die Grenzen auf. Viel zu lange hat  sie, wie eine gütige Mutter, geduldet, dass ihre übermütigen Sprösslinge ihr Regelwerk missachtet und hintertrieben haben. Nun greift sie zu Maßnahmen, die mehr als eine Drohung sind.

So oder so ähnlich könnte man die Erzählung der Geschichte beginnen, die sich gerade abspielt. Man könnte aber auch ganz anders anfangen und das derzeitige Geschehen etwas weniger emotional angehen. Die Natur richtet sich nicht danach, was dem Menschen, der Menschheit nützt oder schadet. Die Natur ist weder gut noch böse. Die Natur ist. Moral ist eine menschliche Kategorie. Die Natur folgt ihren Gesetzen. Und diese Gesetze gelten auch für den Menschen, der einer ihrer mannigfaltigen Hervorbringungen ist. Das einzige was Natur will, ist vielfältiges Leben zu generieren. Ja nicht mal das, Natur will nichts. Natur ist Leben. Und dieses Leben in all seinen Ausprägungen mit den unzähligen Arten und Erscheinungsformen ist bedroht von dem Alleinigkeitsanspruch, den der Mensch mehr und mehr erhebt. Die Natur kann es sich nicht erlauben, nur auf eine Spezies zu setzen, die sich dann womöglich noch selbst in die Luft jagt. Die Natur kann also auch grausam sein, aber nur aus anthropozentrischer Sicht. Und wie grausam sie die Dinge regeln kann, zeigt sie uns nun.

Viele sehen in dieser Krise eine Chance. Eine Chance, die über die kurzfristigen Interessen der Wirtschaft und des Großkapitals hinausreicht. Die einen erhoffen sich eine Läuterung des menschlichen Bewusstseins, ein globales Bewusstwerden, dass der Mensch wieder im Einklang mit der Natur leben muss. So wie anfangs beschrieben. Andere erhoffen sich von der Krise eine Bereinigung der Degeneration, der die Menschheit mittlerweile unterliegt. Es gibt wohl nicht wenige, die denken, nicht sagen, die Chance liege darin, dass nun vor allem die Alten und Schwachen „aussortiert“ werden. Ganz im Sinne der Darwin’schen Evolutionslehre, Stichwort: Suvival of the Fittest. Ich kann solche Überlegungen verstehen. Wer weiß, vielleicht wäre ich diesem Gedankengut unter anderen Voraussetzungen nicht abhold. Es bewahrheitet sich hier wieder der Marx’sche Spruch vom Sein, dem das Bewusstsein folgt.

Das für viele Verwirrende in der heutigen Zeit ist eben dies: dass sehr schwer bis gar nicht zu entscheiden ist, wem welche Aussage nutzt bzw. wer welche Aussage unter welchen Voraussetzungen macht. Cui bono? Hierbei müssen gar keine bösen Absichten dahinterstehen. Allein schon die Diskussion über die Zählweise der „Fälle“ zeigt ja, dass je nachdem sogar bei seriösen und vermeintlich neutralen Quellen unterschiedliche Prämissen gesetzt werden. Kommen dann aber tatsächlich noch Kräfte hinzu, die manipulative Absichten haben und ihr Spiel treiben, dann ist es nur ein keiner Schritt hin zur totalen Verunsicherung. Bei manchen ist dieser Schritt bereits getan. Es gibt so viele Aussagen wie es Interessen gibt. Je nachdem, was man den Vorrang gibt (der Wirtschaft, der Mitmenschlichkeit, dem „Lagerkoller“ etc.), werden die kursierenden Statistiken interpretiert. Mal sind es nur 4% der Bevölkerung, die an Leib und Leben gefährdet ist, mal ist es die Hälfte. Je nachdem, welche Szenarien und Zählweisen man anwendet.

Als es losging mit der Krise war zwischen mir und meiner Frau klar, dass wir uns nicht von den Meldungen, die in zunehmendem Maße die Medien füllten, verrückt machen lassen wollen. Wer will das schon. Ich war ziemlich schnell angenervt, dass sich in relativer kurzer Zeit so ziemlich alles um das Virus drehte. Doch selbstverständlich konnte auch ich mich nicht freihalten von Informationen unterschiedlichster Glaubwürdigkeit. Ich fragte mich, weshalb ich die „Konfrontation“ mit dem Virus so entschieden vermeiden wollte, also nicht nur die infektiöse, sondern auch die in geistiger Auseinandersetzung. War es ein Verdrängen, ein Wegducken, ein Nichtwahrhabenwollen der Brisanz? Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass es mir genügte zu wissen, welche Gefahr von dem Virus für mich ausgeht, wie leicht übertragbar es ist, und dass es bei mir als Immunsupprimiertem nicht lange dauern würde von der Ansteckung bis zum Ausbruch erster Symptome, die dann aller Wahrscheinlichkeit nach mir das (Über)leben schwer machen würden.

Ich gehe nach meinen eigenen Erfordernissen. Aber ganz so einfach ist das nunmal nicht. Da ich (gottlob!) nicht alleine lebe, sondern zusammen mit Frau und Kind, kann es mir nicht egal sein, wie sich die anderen verhalten. Meine beiden Lieben mit in „Isolationshaft“ zu nehmen, fällt mir schwer und belastet mich. Aus den oben genannten Gründen sind die Risiken für uns größer, die Konsequenzen ziemlich sicher drastischer. Mein Sohn hält sich mir zuliebe strikt an die von den Behörden erlassenen Verhaltensregeln. Meine Frau versagt sich alle unnötigen Kontakte, jedoch erledigt sie die Einkäufe, wenn erforderlich den Gang zur Apotheke. Es kann somit gar nicht ausgeschlossen werden, dass das Virus darüber den Weg in unsere Wohnung findet. Und da die Inkubationszeit lange dauert, ist es keine Frage, dass ich mich bis zum Ausbruch von Symptomen bei einem der beiden auch schon angesteckt hätte. So macht sich also ein gewisser Fatalismus breit. Das einzige was bleibt, ist, das Risiko zu minimieren, jeden nicht unbedingt erforderlichen Gang in den Supermarkt zu unterlassen, und darauf zu vertrauen, dass die eingehaltenen Schutzmaßnahmen ausreichen. Aber so sicher wie Prinz Prospero* es anfänglich war, kann ich mir da nicht sein.

Auf der anderen Seite haben wir in der Krise den Vorteil, dass wir in Infektvermeidung trainiert sind. Für mich hat jeder Virus, jedes Bakterium die Macht, meinen labilen Gesundheitszustand noch weiter zu verschlechtern und meinen Ist-Zustand zu beenden. Nur haben andere Infektionsquellen nicht den anzunehmenden tödlichen Effekt, wie er nun von dem neuen Coronavirus ausgeht.

Mit Interesse verfolge ich die beginnende Debatte, ob man nicht die zur Hochrisikogruppe Zählenden separieren sollte, um der vermeintlich weniger bis gar nicht gefährdeten Mehrheit der Bevölkerung ein weithin wieder normales Leben zu ermöglichen. Seltsam die Vorstellung, dass ich von Staats wegen von meiner Familie getrennt werde, um in einer bereitgestellten Unterkunft kaserniert zu werden. Und machen wir uns nichts vor: Die Krise wird nicht in ein paar Wochen beendet sein. Das Virus ist in der Welt. Ich selbst kann erst sicher sein, wenn es einen verlässlichen Impfstoff gibt.

 

Da die derzeitige Krise in ihrem globalen Ausmaß für alle unbekanntes Terrain ist, bleibt völlig offen, wohin sich die Maßnahmen bewegen. Den Verantwortlichen vorzuwerfen, sie handeln konzeptlos, verkennt, dass die Entwicklung so rasant verlief/verläuft, um darauf vorbereitet sein zu können bzw. in allen Bereichen vorausschauend agieren zu können. Andererseits werden Stimmen laut, die kritisieren, dass bereits 2012 ein Pandemieplan erstellt wurde.

Es müsste eigentlich jedem bewusst sein, dass die Welt nach der Krise nicht mehr dieselbe ist, die wir gekannt haben. Und auch nicht mehr so wird. Das ist wirklich ein epochaler Einschnitt, der jedoch nicht, wie von manchen behauptet, singulär ist. Bereits im 14. Jahrhundert haben Pestepidemien eine Schneise in die Bevölkerung geschlagen. Zumindest zwingen einen die fordernden Zeitumstände, sich wie damals mit der eigenen Endlichkeit konkreter auseinanderzusetzen. Memento mori. Und das ist ja keine schlechte Übung.

 

* Prinz Prospero ist eine Figur aus der Erzählung Die Maske des Roten Todes von Edgar Allan Poe (1809-1849). In ihr beschreibt er, wie eine Gruppe von Privilegierten daran scheitert, sich vor einer Seuche in Sicherheit zu bringen.

 

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