VERANTWORTUNG

„Wir stellen uns das Schicksal gern als alles umfassenden Plan vor, der ohne unser Zutun aufgestellt wurde und in dem alle unsere Entscheidungen schon festgelegt waren, be­vor wir überhaupt wussten, dass wir uns entscheiden müs­sen. Allenfalls im Rückblick glauben wir, den Plan zu er­kennen, aber das beweist bloß, wie sehr uns die Vorstellung ängstigt, wirklich frei zu sein. In Wahrheit ist unser Leben die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.

Wenn ich mich heute erinnern will, wer ich gewesen bin, weiß ich nicht, wen ich eigentlich meine. Sein früheres Selbst zu ver­gessen, scheint ebenso schwer zu sein, wie sich daran zu er­innern, und schon gar nicht weißt du, wer du heute bist. Ich meine es ernst. Allenfalls kannst du eine Wahl treffen und daran festhalten und versuchen, das Boot nicht gegen die Felsen zu steuern. Wenn du nachts keinen Schlaf findest, mach es wie ich als blindes Kind, bleib still liegen und warte. Irgendwann bricht ein neuer Morgen an. Und einer wird dein letzter sein.“

 

Stephan Thomae, Der Gott der Barbaren

Vor kurzem starb der Hund meiner Schwester. Ein paar Tage darauf lief ihr ein Kater zu, den sie, tierlieb wie sie ist, nicht abweisen konnte. Sie schrieb mir dazu folgendes: „Mein neuer Kater hat jetzt meine Lebensverpflichtung um mindestens zehn Jahre erzwungen, vielleicht verstehst Du jetzt mein Hadern mit dem Kater besser. Die Verpflichtung übernimmt die Entscheidung, auch wenn sie momentan nicht gefragt ist, jedoch steht sie für mich – genau, ein Lebensanker! Deshalb ist der Kater ein Geschenk und ein Antrieb.“

Meine Schwester stellt damit also einen Zusammenhang zwischen Lebenssinn und „Lebensverpflichtung“ her, derart, dass die Übernahme von Verantwortung für jemanden/für etwas dem Leben erst Sinn gibt. So gesehen, ergäbe der Begriff Verantwortung nur unter Einbeziehung der Mitwelt einen Sinn.

Wie steht es aber mit der Selbstverantwortung? Hat man nicht auch eine Verantwortung vor sich selbst, aus seinem Leben das Bestmögliche „zu machen“? Wie verantwortet man vor sich selbst seine Existenz? Und wie steht es mit der Verantwortung für sich selbst. Ein kleiner aber feiner Unterschied.

Hierzu gibt es zwei grundlegende Thesen. Die eine: Jeder Mensch ist mit einer Bestimmung auf die Welt gekommen. d. h. er hat die Verantwortung dafür, dieser Bestimmung gerecht zu werden, seinem Leben eine Bedeutung zu geben, also eine Pflicht zu sinnvoller Lebensführung. „Was steckt hinter dem Zweifel am Sinn des Lebens, hinter der Frage nach dem Zweck und Nutzen des eigenen Daseins? Es ist der Versuch, sein Dasein zu rechtfertigen, sodass man zu Recht einen Platz in der Welt bekommt, weil man nützlich ist und eine Bedeutung hat.« (Christian Meyer, Ein Kurs in wahrem Loslassen: Durch das Tor des Fühlens zu innerer Freiheit, Arkana-Verlag, 2016).

Die andere: Mit dem „Geburtsrecht“ steht es jedem Menschen frei, sein Leben unbelastet von Zwängen und Verpflichtungen zu gestalten. Hierzu passt ein Ausspruch von Meister Eckhart, der besagt, das Leben selbst würde auf die Frage, warum es lebe, antworten: »Ich lebe, um zu leben«, ohne ein Warum. Dazu nochmal Christian Meyer (a. a. O): „Die Tragödie besteht genau darin, dass den meisten Menschen ihr Dasein nicht als ganz und gar selbstverständlich erscheint und die Daseinsberechtigung ebenso wenig. Die Selbstverständlichkeit drückt sich als ein ganz und gar grundlegend gefühltes »Ich bin« aus. Ein unbezweifeltes, weil unmittelbar erfahrenes »Ich existiere«. Ohne ein »Ich bin dies oder jenes«, genauso ohne ein »Ich existiere, damit …“

Je nachdem, welcher Annahme man zuneigt, lebt und handelt der/die eine nach dem Primat der dauernden Selbstoptimierung, der/die andere nach dem Motto „Ich bin gut genug!“

Verantwortung. Antwort. Wort. Sich Antwort geben, wie man es mit dem Leben hält. Im Wort stehen. Wer bin ich? Inwieweit entscheide ich für mich selbst? In welche Abhängigkeiten begebe ich mich? Freiwillig? Gezwungenermaßen? Wie weit kann, darf persönliche Freiheit gehen (gerade auch in einer Zeit wie der jetzigen)? Kann es diese überhaupt geben in Anbetracht gesellschaftlich gesetzter Normen, also nicht verantwortungslos, sondern verantwortlich für sein eigenes Tun durchs Leben zu gehen. Ist individuell gelebte Freiheit böse? Anders gefragt: Kann man mit radikal gelebter Freiheit glücklich werden? Macht man sich etwas vor? Redet man sich das Leben schön, um sich vor Verantwortung drücken zu können? Wie weit, wie lange trägt eine Lebenslüge? Kann man letztendlich würdevoll abtreten? Wer entscheidet das? Man selbst oder die Mitwelt?

Bis vor kurzem lag ich mal wieder auf der Mukoviszidosestation des Virchow-Klinikums in Berlin-Wedding. Im Rahmen eines allgemeinen CheckUps wurde mir vom dortigen Psychotherapeut ein Fragebogen vorgelegt, der u. a. die Frage beinhaltete: Wie oft fühlten Sie sich im Verlauf der letzten zwei Wochen beeinträchtigt durch schlechte Meinung von sich selbst; Gefühl ein Versager zu sein oder die Familie enttäuscht zu haben? Das gab mir dann doch zu denken. Ich würde nicht behaupten, dass ich dieses Gefühl während der letzen zwei Wochen hatte, aber in bestimmten Phasen meines Lebens hätte ich sicherlich mehr leisten können als ich es tat. Späte Reue. Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
 
In diesem Zusammenhang möchte ich eine Textpassage aus „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer erwähnen. Die Passage setzt ein, nachdem Wilhelm Voigt den Bescheid erhalten hat, wegen seiner Straffälligkeit das Land verlassen zu müssen. Und der spätere „Hauptmann“ argumentiert ganz nach These 1.
Am besten finde ich die Version mit Heinz Rühmann (ab Min 1:00)
Wie bekannt, hat Voigt dann doch noch etwas Großes unternommen, das ihn weltberühmt werden ließ. Also, zaudere nicht, trau auch du dich, es ist dein Leben!

Und da wir gerade bei preussischen Tugenden sind: Üb immer Treu’ und Redlichkeit! Zu letzterem Begriff hat Thomas Metzinger, ein deutscher Philosophen mit dem Schwerpunkt auf Kognitionswissenschaft und Neurobiologie, einen ca. einstündigen bemerkenswerten Vortrag gehalten, den ich jedem anempfehle. Es wird hier ein interessanter Bogen gespannt zwischen Religiosität und Spiritualität, mit dem Metzinger aufzeigt, dass dies beides jeweils das genaue Gegenteil vom anderen ist. Ein zentraler Punkt bei ihm ist die intellektuelle Redlichkeit, also eine extreme Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und darin liegt m. M. n. die eigentliche Verantwortung für sich selbst.

Den Vortrag als PDF findet man hier.

Mir ist bewusst, dass dieser Blogbeitrag diesmal recht viel Zitatmaterial beinhaltet und wenig „Eigenleistung“. Zu mehr reicht’s bei mir zur Zeit wohl nicht. Ich übernehme dafür die volle Verantwortung!

 

P. S.: Aus aktuellem Anlass hier auch ein Link zu einem Auftritt von Florian Schröder. Sehr sehens- und hörenswert!

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Kommentare: 2
  • #1

    Musicman (Samstag, 22 August 2020 23:40)

    Lieber Thomas,
    das ist ja eine eine wunderbare Sortierung von Gedanken, die wir auch in unseren Gesprächen gewälzt haben!! Herzlichen Dank dafür - auch für das Zuckmayer Zitat - ist einfach immer noch aktuell. Endlich Metzinger gesehen - bin begeistert. Grandios. Und dann Florian Schröder - das Publikum beweist Metzingers Theorie der Abwesenheit innerer Integrität bei Verfolgung eines Wahnsystem. Und Schröder führt Sie genau in das Herz ihrer inneren Leere und Kapitulation vor schmerzhaften Wissen Wollens mit der Gefahr des Scheiterns.
    Danke!
    Frank

  • #2

    Thomas (Samstag, 29 August 2020 18:03)

    Vielen Dank lieber Frank für deine so positive Rückmeldung!
    Ja der Schröder kam mir nach Fertigstellung meines Beitrags noch passenderweise unter. Die Verbindung von Freiheit und Verantwortung ist kompliziert (zu Freiheit hatten wir ja schon Austausch bei einem früheren BlogText). All diejenigen, die momentan auf Plätzen und Demonstrationen lautstark nach Freiheit plärren, sollten sich mit dem Begriff erstmal genauer auseinandersetzen.