14. August 2020
„Wir stellen uns das Schicksal gern als alles umfassenden Plan vor, der ohne unser Zutun aufgestellt wurde und in dem alle unsere Entscheidungen schon festgelegt waren, be­vor wir überhaupt wussten, dass wir uns entscheiden müs­sen. Allenfalls im Rückblick glauben wir, den Plan zu er­kennen, aber das beweist bloß, wie sehr uns die Vorstellung ängstigt, wirklich frei zu sein. In Wahrheit ist unser Leben die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Wenn ich mich heute erinnern...

10. April 2020
"Die Seuche gewann um so größere Kraft, da sie durch den Verkehr von den Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden. Ja, so weit erstreckte sich dies Übel, daß nicht allein der Umgang die Gesunden ansteckte und den Keim des gemeinsamen Todes in sie legte; schon die Berührung der Kleider oder anderer Dinge, die ein Kranker gebraucht oder angefaßt hatte, schien die Krankheit dem Berührenden mitzuteilen." Das...

26. November 2019
„Selbst der Gedanke an seine eigene Zerstörung war ihm nicht nur angenehm, sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollüstiger Empfindung, wenn er oft des Abends, ehe er einschlief, sich die Auflösung und das Auseinanderfallen seines Körpers lebhaft dachte.“ Karl Philipp Moritz*, Anton Reiser, 1790

01. November 2019
"Ein Schriftsteller, der hin und wieder Genie hat (ich ergänze: der die Askese der Arbeit praktiziert), damit er die restliche Zeit das angenehme Leben eines mondänen und literarisch gebildeten Dilettanten führen kann, ist eine eben so falsche und naive Vorstellung wie die von einem Heiligen, der sich eines höchst moralischen Lebens befleißigt, um im Paradies vulgären Vergnügungen frönen zu können." zit. nach Marcel Proust (1871-1922)

27. März 2019
Clay lies still, but blood's a rover; Breath's a ware that will not keep. Up, lad: when the journey's over There'll be time enough to sleep. aus: Reveillé (1896) von Alfred Edward Housman (1859–1936)

12. März 2019
… Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß, einfach die Tiere anschaun, daß ein Etwas von ihrer Wendung mir in die Gelenke herübergleitet; will ein kurzes Dasein in ihren Augen haben, die mich halten und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil. Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen hersagen lassen, daß ich in den Scherben der schönen Eigennamen einen Rest herüberbringe von den hundert Düften. Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin das Land noch einmal ist, bis an den Himmel. …...

20. Februar 2019
Meine Seele spürt, daß wir am Tore tasten. Und sie fragt dich im Rasten: Hast Du mich hergeführt? Und du lächelst darauf so herrlich und heiter und: bald wandern wir weiter: Tore gehn auf… Und wir sind nichtmehr zag, unser Weg wird kein Weh sein, wird eine lange Allee sein aus dem vergangenen Tag. aus: Dir zur Feier (1897/98), Rainer Maria Rilke (1875–1926)

14. Februar 2019
"Und meine Leichtigkeit, die vom Hunger herrührte und von Erschöpfung, verwandelte sich in eine erhabene, großartige Leichtigkeit, wie geschaffen für den Wind, der mich immer schneller die Straße hinunterblies. Wie ich begriff, dass das, was blau leuchtete am Ende der Cannebière, bereits das Meer war, der Alte Hafen, da spürte ich endlich wieder nach soviel Unsinn und Elend das einzige wirkliche Glück, das jedem Menschen in jeder Sekunde zugänglich ist: das Glück zu leben." aus:...

16. Oktober 2018
Weil sich das Wesen des Menschen nur in der Beziehung zum Mitmenschen verwirklichen kann, müssen „alle Bemühungen und emotionalen Kräfte, die bisher in die Verehrung von Göttern investiert wurden, auf die zwischenmenschlichen Beziehungen konzentriert werden“. „Homo homini deus est – dies ist der oberste praktische Grundsatz“. Ludwig Andreas Feuerbach Das Wesen des Christentums

01. Oktober 2018
Wie ist es nun aber möglich, daß ein Leiden, welches nicht meines ist, nıcht mich trifft, doch eben so unmittelbar, wie sonst nur mein eigenes, Motiv für mich werden, mich zum Handeln bewegen soll? ... dadurch, daß ich es, obgleich mir nur als ein Aeußeres, bloß vermittelst der äußern Anschauung oder Kunde gegeben, dennoch mitempfinde, es als meines fühle,und doch nicht in mir, sondern in einem Andern [ ... ]. Dies aber setzt voraus, daß ich mich mit dem Andern gewissermaaßen...

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